| INDEX | 1300-1599 | 17. JH. | 18. JH. | 19. JH. | 20. JH | ÜBERGREIFEND | ETHNO | |
| VERMISCHTES | PROJEKTBLOG | FLOHMARKT | ALTE MUSIK | KONTAKT | SUCHE |
|
||
Wenn man es genau betrachtet, gibt es so etwas wie eine "bayrische Tracht" natürlich nicht. Auch wenn manche Trachtenvereine uns andreres weismachen wollen: Die Kleidung war nicht nur von Region zu Region verschieden, sondern veränderte sich auch im Lauf der Zeit. Die geographischen Unterschiede haben mit unterschiedlicher Wirtschafts- und Lebensweise zu tun, die zeitlichen kommen daher, daß Tracht entgegen der landläufigen Meinung durchaus dem Modewandel unterworfen war. Selbst in den ländlicheren Gegenden schauten die Leute auf das, was die "nobligen" trugen, und ahmten deren Mode nach, soweit es ihnen möglich war.
Leider gibt es viele Vereine, die keinen Wert auf zeitliche und geographische Korrektheit legen: Die Gebirgstrachtenvereine, die es perverserweise auch in der Ebene gibt. "Gebirgstracht" ist der Begriff für eine Erfindung der frühen Trachtenvereine, die in guter alter deutscher Manier Vorschriften für jeden kleinen Scheißdreck machten: Rocklänge, Kleidfarbe, Frisur, Schmuck etc. So wurde der begriff "Tracht" in den Köpfen allmählich mit den Vereinsuniformen gleichgesetzt. Es gibt im bayrischen Flachland wahrscheinlich mehr Gebirgstrachtenvereine als im Gebirge selber, und sogar im Ruhrgebiet oder übern Teich kostümiert man sich miesbacherisch. Damit festigt sich der ohnehin weit verbreitete Eindruck, daß diese spezielle Tracht in ganz Bayern Gültigkeit habe, und daß nur ein bestimmter Farben- und Formenkanon "echt" sei. Der Gerechtigkeit halber sei erwähnt, daß es durchaus auch andere Vereine gibt, die sich sehr gewissenhaft um Korrektheit bemühen, d.h. sich auf die Tracht ihrer eigenen Heimatregion in einer bestimmten Epoche beschränken.
Man muß also heute drei Sorten Trachten unterscheiden:
Die Miesbacher Tracht (Bild links) ist wohl deshalb auch unter Flachlandbajuwaren so beliebt, weil Miesbach im frühen 20. Jh. die Wiege der Gebirgstrachten-Erhaltungs-Bewegung war - und weil sie schlicht und ergreifend schön ist, was man (nach heutiger Ästhetik) nicht von allen Trachten sagen kann.
Die Miesbacher Tracht ist aber stark
beeinflußt von der der Hauptstadt, die die wohl eleganteste bairische
Tracht hervorgebracht hat. Und da diese Stadt auch mich hervorgebracht hat,
und ich schwerlich alle Trachten Bayerns zu allen Zeiten erforschen kann, widmen
sich diese Seiten vor allem der Tracht der Münchner Bürgerinnen (rechtes
Bild).
Die Trachten von Miesbach und München sind sich erstaunlich ähnlich, wenn man bedenkt, daß die Tracht z.B. in Dachau, was München ja viel näher ist, völlig anders aussieht. In ingendeiner Quelle (es könne Szeibert-Sülzenfuhs gewesen sein), las ich, daß die Miesbacherinnen das Mieder direkt den Münchnerinnen abgeschaut haben. Gemeinsam ist das schwarze Mieder mit Silbergeschnür und die Kropfkette. Aber es gibt auch gewisse Unterschiede: Die Miesbacherin links ist mit ihrem Gesangbuch auf dem Weg zur Kirche, trägt also Sonntagsstaat, dazu den typischen Miesbacher Hut. Wahscheinlich ist sie eine Bergbäuerin, die im Alltag sehr viel schlichter und v.a. waschbarer gekleidet ist. Die Münchnerin rechts arbeitet als Kellnerin im Biergarten und trägt fast die gleiche Tracht als Arbeitskleidung, dazu die silberbestickte Riegelhaube und Bandschuhe nach der herrschenden (Biedermeier-) Mode.
Das, was man heute gemeinhin unter Münchner Bürgerinnentracht versteht, hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert und entwickelte ihre klassische Form im frühen 19. Jh. In dieser biedermeierlichen Form hat sie viele Reisende so sehr beeindruckt, daß es an Bildquellen nicht mangelt. Danach gab es kaum Veränderungen; immer mehr Münchnerinnen gingen zur allgemeinen Mode über, und in der zweiten Hälfte des 19. Jh. starb die Tracht als Alltagsgewand allmählich aus.
Portrait der Helene Sedlmayer,
Tochter eines Münchner Schuhmachers, um 1830. Das Gewand ist ein Geschenk
des Königs, der sie für die Schönheitengalerie (Schloß
Nymphenburg) verewigen ließ - daher die ungewöhlich reiche Ausstattung.
Mädchen im Biergarten, München,
19. Jh.
Szene aus dem Leben eines Wilderers,
19. Jh. (Bergbauerntracht)
Votivstatuette aus Wachs,
Kaufbeuren 1776
Münchner
Tracht, 1920er
Oberländer Tracht,
Bad Reichenhall 1910er detail: Mieder,
Kropfkette
Familie
(wohl Touristen) in Oberländer Tracht, um 1900
Familie, Tölzer
Land, um 1865. Die Mutter trägt den Spenzer, die Tochter ein Mieder.
Berchtesgadener
Land, um 1910.
Traunsteiner
Land, um 1865
Beim Stadtgründungsfest begegnete ich einigen Mitgliedern eines jener historisch korrekten Trachtenvereine, Die Lechler. Ihre Kleidung orientiert sich an der Münchner Bürgertracht des Biedermeier, wobei die Männer in ihren Kniehosen eher konservativ sind. Um die Privatsphäre der Personen zu schützen, sind die Gesichter unkenntlich gemacht.
Modernes Mieder nach alten
Vorbildern
Selbst nachgearbeitetes Mieder
Originales, goldbesticktes
Mieder bei der Restaurierung.
Originale Riegelhaube
Restauriertes Mieder
Nachgearbeitete Frauen- und
Männertracht
Münchner
Kellnerin und Bürgerfamilie (vollständige Version des Bildes rechts
oben. Beachte die Dame rechts: Empire-Mode mit Riegelhaube.)
Miesbacherinnen
(Original des linken Bildes)
Miesbacher
Männer
Starnberger
Brautjungfern
Online Lederhosenmuseum
Gauverband Nordamerika
Trachtenberatungsstelle
Bezirk Schwaben
Das Trachteninformationszentrum für Oberbayern hat leider noch keine Webseite.
:(