Männeranzug

Teil 1: Vorbereitungen und Material

 


Wollanzug mit Goldborten, um 1750
(c) metmuseum.org, 1996.117a-c

Der Stoff

Oberstoff

Anzüge wurden entweder aus Wolle oder aus Seide gemacht – je nachdem, was man sich leisten konnte und wofür man den Anzug zu tragen gedachte. Aus Leinen kenne ich nur ein einziges Exemplar im Ludwigsburger Modemuseum, und das ist ziemlich seltsam: Dem Justaucorps ist eine falsche Westenfront eingesetzt und das ganze Trumm sieht aus wie von einem Grobmotoriker zusammengeschustert. Solang sich keine anderen Exemplare zeigen, sollten wir Leinen unter "Kuriosität" abheften.

Wolle ist vor allem geeignet für Unterschicht, Alltagsanzüge der Mittelschicht und für Reit- und Jagdanzüge der Oberschicht. Es gab aber auch wollene Anzüge, die z.B. mit Goldborten so aufgehübscht waren, daß sie auch für festliche Anlässe geeignet waren (Bild rechts).

Seidenstoffe wurden von der Mittelschicht zu festlichen Anlässen getragen, von der Oberschicht auch im Alltag. Dabei gab es große Abstufungen der Qualität, von eher einfachem Taft, Rips und Satin über Damast, Cord, Samt bis hin zu Lampas, Brokat und Silbernstoff. Je höher der sozioökonomische Status, desto eher kam auch Stickerei dazu - selbst dann, wenn diese auf einem sowieso schon bunt gemusterten Stoff kaum noch zur Geltung kam. Die Regel, daß viel Geld nicht unbedingt mit viel Geschmack einhergeht, galt schon damals.

Die Seidenstoffe wurden oft speziell für Anzüge gefertigt und ab ca. 1720 sogar so gewebt, daß das Muster sich der Schnittform anpaßte. Dem Verwendungszweck gemäß waren sie, mit heutigen Seiden verglichen, relativ steif*. Rips/Faille und Duchesse Satin kommen dem heute noch am ehesten nahe, evtl. auch schwerer Taft und, wenn man richtig viel investieren will, Brokate aus den wenigen verbliebenen Manufakturen in Lyon und Venedig. Leichtere Seidenstoffe sollen über die ganze Fläche mit einem versteifenden Stoff unterlegt werden. Indische Seidenbrokate sind vom Muster her ungeeignet, chinesische vom Muster her - und meist auch noch großenteils aus Viskose. Als Ersatz für die damaligen steifen Seidengewebe scheint es naheliegend, eine moderne Seide mit Vlieseline zu hinterbügeln, aber leider sieht man das allzu deutlich, sogar als nicht-Profi. Also Finger weg von Vlieseline! Da sollte man doch lieber ein ordentliches Steifleinen- oder gar Roßhaarfutter anbringen. (Siehe auch Stoffe des 18. Jh.)

Da solche Seiden heute allzu teuer sind, bleibt fast nur Wolle. Die geeignetste Sorte Wolle ist leinenbindig mit filziger Oberfläche, also quasi eine nicht zu dicke Mantelwolle bzw. Loden. Das, was man im Geschäft unter der Rubrik "Anzugstoffe" findet, sind meist leinen- oder köperbindige Stoffe (v.a. Gabardine), mit glatter Oberfläche, die zu dünn sind. Die geeignete, an der Oberfläche filzige Wolle ist relativ pflegeleicht: Hat man sie vorgewaschen, muß man sich um eingehen keine Sorgen mehr machen, man kann sie auf voller Hitze bügeln, sie ist wasser- und teilweise auch schmutzabweisend. Ein Wollanzug hat auch den Vorteil, daß man quasi zwei Anzüge auf einmal haben kann: Mit einer Weste aus gleichem Stoff als Tagesanzug vom mittelständischen Bürger bis zum feinen Herrn und mit einer (evtl. bestickten) Seidenweste für feierliche Anlässe.

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts waren Hose, Weste und Rock meist aus dem gleichen Stoff. In der zweiten Hälfte war die Weste zunehmend häufig aus einem hellen Stoff, Rock und Hose aus einem dunkleren. Westen der ersten Jahrhunderthälfte hatten oft, aber nicht immer Ärmel, in der zweiten Hälfte was das äußerst selten.

Stoff für eine Weste
(c) metmuseum.org, 26.56.51

Da von der Weste nur die Vorderseite sichtbar wurde (außer bei den sehr seltenen Gelegenheiten, bei denen es erlaubt war, den Rock abzulegen), wurde der Rücken meist aus ungebleichtem Leinen gefertigt und nur unterhalb der Taille, wo die Weste durch die Schlitze des Rockes blitzen könnte, mit dem Stoff der Vorderseite belegt. Nur bei besonders nobligen Westen kam es vor, daß der Rücken aus der gleichen Seide wie die reich bestickte Vorderseite war.

Der Standesunterschied zeigte sich an der Stoffqualität, Farben und Auszier, die z.B. in Gold- bzw. Silberborten, Gold-, Silber- oder farbigen Stickereien bestehen konnte - oder eben fehlte. Stickereien paßten sich übrigens ebenfalls der Schnittform an: Die Stickerei wurde vor dem Zuschnitt entlang der künftigen Kanten aufgebracht, als Coupon verkauft und dann erst zum Schneider gegeben (Bild rechts). Folglich eignen sich flächig und/oder in geraden Linien bestickte Stoffe überhaupt nicht. Wenn Du nicht Handstickerei in Seide machen (lassen) kannst, laß es lieber ganz bleiben. In Muster und Material geeignete Gold- oder Silberborten sind heute leider ebenso schwer zu finden, und wenn, dann sehr teuer. Ich habe mal überschlagen, daß man für einen Anzug wie den blauen oben rechts mindestens 12 Meter Borte braucht.

Es gab auch Röcke in schlichten Erdfarben, die nur durch die damit kombinierten feinen Westen edel wirkten und einen Hauch einfachen Landlebens verbreiten sollten. Das war meistens bei Tages- und Jagdanzügen der Fall. Besonders in England, wo man eine idealisierte Form des einfach-ländlichen schätzte, waren braune Röcke mit roten Westen beliebt.

Der "Mann aus dem Volk" begnügte sich mit einem Wollrock in gedeckten Farben und einer Weste aus dem gleichen Stoff. Zur Zierde dienten, je nach Geldbeutel, silberne, versilberte oder blankpolierte Zinnknöpfe oder ungültig gewordene Silbermünzen, an die hinten eine Öse gelötet worden war. Körperlich arbeitende Männer trugen im Alltag meist nur Ärmelwesten, die heutigen Trachtenjacken ein wenig ähneln.

Futter

Das Futter der Justaucorps war Seide (für die Reichen), Leinen-Baumwoll-Gemisch (für Wohlhabende und Reiche) oder Leinen (für alle, auch die Reichen). Sinnvollerweise füttert man seidene Anzüge mit Seide, wollene mit Seide, Baumwolle oder Leinen. Da Seide teuer war, wurde der Rücken des Justaucorps, den man am getragenen Gewand nicht sieht, bis zur Taille oft mit billigerem Stoff gefüttert als die Vorderteile und die Schöße. Darüber, welche Seide es war, schweigen meine Bücher, aber Taft wäre auf jeden Fall geeignet und auch von gröberen Seiden wie Honan oder Shantung war irgendwo die Rede. Für das Futter darf die Seide durchaus auch Verdickungen haben. Ein Leinenfutter hat den Vorteil, etwas Stand zu haben, so daß man den Oberstoff vielleicht nicht gar so stark hinterfüttern muß. Es ist auch vom klimatischen Standpunkt her sehr sinnvoll, hat aber einen Nachteil: Es ist schwer. Bei meinem Erstlingswerk aus leinengefütterter Wolle wiegt das fertige Justaucorps allein schon 2,3 Kilo. Mein Versuchskaninchen versichert mir immerhin, daß das durchaus nicht zu schwer sei.

Über die Farbe des Futters schweigen die Bücher auch. Bei allen erhaltenen Stücken, die ich bisher gesehen habe, war das Futter weiß oder creme (sofern man es denn sah); nur bei zwei roten Justaucorps war es rot und in einem Fall** blaßblau. Inzwischen habe ich zwar noch ein paar mehr farbige Futter gefunden, aber eigentlich immer in (a) späten und (b) seidenen Anzügen mit seidenem Futter, und nach Gefühl geschätzt nur bei maximal 10% der erhaltenen Anzüge. Farbiges oder gar zum Oberstoff passendes Futter war also eher die Ausnahme. Der Kontrast zwischen naturfarbenem Futter und buntem oder gar dunklem Oberstoff wurde damals nicht als problematisch empfunden, und das, obwohl das Futter bis direkt an die Stoffkanten geführt wurde, so daß man es oft sah. Bei Hose und Weste ist Leinen oder Leinen-Baumwoll-Gemisch der vorherrschende Futterstoff, wobei die Hose aber oft nur am Bund gefüttert war, was gleichzeitig der Versteifung des Bundbandes diente. Bei der Weste bietet es sich an, selbige quasi aus Leinen zu machen und vorn den Oberstoff draufzusetzen. Bei den längeren (=früheren) Westen wurde auch der untere Teil des Rückens mit Oberstoff belegt.

Stoffmenge

So, wieviel Stoff brauchen wir nun?

Die Rechnung für einen Anzug um 1730-50 und 150 cm breiten Oberstoff geht etwa so:

Für das Futter:

An Oberstoff fallen damit grob 6-7 Meter an. Für eventuelle Probeschnitte sollte man dieselbe Menge wie für den Oberstoff in billigem Stoff (z.B. Bomull oder Ditte von IKEA) parat haben.

Außerdem brauchst Du noch eine steifende Zwischenlage, z.B. festes Leinen oder Roßhaar. Aufbügelbare Vlieseline ist völlig ungeeignet (s.o.). Justaucorps und Weste brauchen einen Streifen an der Vorderkante entlang sowie hie und da kleine Stücke. Wenn die Rockschöße wie um 1730-40 üblich abstehen sollen, muß man zusätzlich deren gesamte Fläche hinterfüttern. Evtl. kann man, wenn keine Schnittänderungen nötig sind, den Bomull-Probeschnitt als Futter verwenden.

Sonstige Materialien

Eine Scheiderpuppe ist nie verkehrt; ansonsten jemand mit etwas Ahnung vom Schneidern, der den Schitt an Dir anpaßt. Jawollja: Anders als die meisten Lehrbücher und Kursleiter gehe ich davon aus, daß der künftige Träger sich seinen eigenen Anzug schneidert anstatt die Aufgabe an das nächstbeste weibliche Opfer zu delegieren. Dies ist das 21. Jahrhundert, Freunde: Heute dürfen auch Männer wieder nähen, ohne gleich für schwul gehalten zu werden. Wieder, weil bis zum 17. Jh. jegliches Handwerk - auch das der Schneiderei - eine reine Männerdomäne war. Dann erkämpften sich Schneiderinnen in Frankreich das Recht, Frauenklamotten zu nähen und eine eigene Zunft zu bilden (die der Couturières) während Korsetts und Männerklamotten weiterhin von Männern (den Tailleurs) gemacht wurden.

Aber zurück zu den Materialien....

16 mittlere und 2 kleine Knöpfe für die Hose (2 x 5 für den Knieschlitz, 6 für den Vorderschlitz, 2 kleine für die Taschen), 24 mittlere Knöpfe für die Weste (18 Front, 6 Taschen), 32 große Knöpfe fürs Justaucorps (16 Front, 8 Ärmel, 6 Taschen, 2 Schoß) sowie von jeder Größe mindestens zwei in Reserve - bei den zahlenmäßig häufigeren eher noch mehr. Wähle flache oder leicht gewölbte Knöpfe mit Schaft, auf keinen Fall solche mit Löchern. Aus Metall, vorzugsweise Messing oder Zinn, für feinere Anzüge vergoldet oder versilbert. Tendenziell häufiger als metallene waren stoffbezogene und für feinere Anzüge, seidenumwickelte Knöpfe. Aber bitte nicht die käuflichen Rohlinge zum beziehen hernehmen! Das sollte man schon von Hand machen, wie hier beschrieben, und dafür eignen sich auch poplige Vierlochknöpfe. Die Rückseite wird nämlich öfter sichtbar, als man denkt.

Knopflochseide zum umsticken der Knopflöcher... die Menge weiß ich nicht, aber rechne mindestens 20 Meter (=2 Rollen) für das Justaucorps allein, eher 30. Für die Weste je nach Länge nochmal 10-20 Meter. An der Brust wurde häufig ein wenig ausgestopft - hierfür wäre unversponnene Rohwolle besonders geeignet, aber notfalls tut's auch Watte. Lieber olle Kosmetikwatte (die ist nämlich aus Baumwolle) als Polyester-Puppenfüllwatte!

Für einen richtig guten Anzug sollte noch ein Paar Knieschnallen her. Die findet man nicht leicht zu kaufen, aber bei reenactors.de und neheleniapatterns.com gibt es sie relativ günstig. Und dann natürlich die üblichen Verdächtigen: Schere, Schneiderkreide, Heftgarn... Als Nähgarn ist inWollstoff Leinenzwirn das Beste, auch wenn die Farbe vom Oberstoff abweicht: Das ist durchaus authentisch. Für wollene Anzüge wurde oft ungefärbtes Leinengarn verwendet, aber bitte nur für Handnähte: Nichts ist peinlicher als wenn sich eine Naht unter Spannung auseinanderzieht und durch den Farbkontrast überdeutlich offenbart, daß sie zwar aus authentisch ungefärbtem Garn ist, aber eine unauthentische Maschinennaht. Farblich passender Zwirn geht natürlich auch, wenn Du ihn findest. Für Maschinennähte (pfui, pfui!) farblich passendes Baumwollgarn, und für Seidenstoffe so oder so Seidengarn.

Vorbereitungen

Am wichtigsten ist, daß Du Dir darüber klarwirst, welche Zeit Du darstellen willst. Schau Dir als ersten Schritt die Führung durch die Männermode an und beachte, wie sich die Ärmelaufschläge, Ärmellänge, Vorderkante, Schoßgröße, Kragen etc. im Lauf der Zeit veränderten. Vergleiche dann nochmal verschiedene Bilder derjenigen Periode, die Dir am besten gefällt, anhand der Bilderdatenbank. Versuche auf keinen Fall, Stilelemente einer frühen Periode mit denen einer späten zu mischen! Eine kurze (ab 1760) Weste mit großen (vor 1750) Ärmelaufschlägen schaut einfach nur falsch aus.

Wenn 1740-60 Dein Ding ist, dann liegst Du mit dem Schnitt hier richtig; außerhalb dieser Zeitspanne gilt die Anleitung cum grano salis immer noch, nur daß ab 1760 der Hosenlatz oft (nicht immer) anders ist und die Weste kürzer und an den Vorderkanten etwas anders geschnitten. Für die Zeit um 1770-90 gibt es kommerzielle Schnitte (siehe Bezugsquellen). Für vor 1750 sollstest Du die Weste bis fast zum Knie verlängern und die Vorderkante der Weste von der Taille abwärts begradigen.

Es ist nicht unbedingt nötig, den Stoff vorzuwaschen. Es schadet nicht, einen Wollstoff vor der Verarbeitung bei 40°C vorzuwaschen: Wenn man das vor dem Zuschnitt einmal gemacht hat, kann man es immer wieder tun, und das ist gerade bei hellen Stoffen vielleicht mal nötig. Dadurch stellt man außerdem sicher, daß der Stoff den Fährnissen des realen Lebens standhält, ohne einzulaufen. Bei Seide würde ich vom Vorwaschen eher abraten, da sie meist einen Großteil ihrer Steifheit verliert, und da heutige Seiden eigentlich eh schon zu labberig sind... lieber nicht.

Nächster Schritt: Der Schnitt

 

*) Waugh: The Cut of Men's Clothes.
**) Baumgarten: Costume Close Up.

Wednesday, 15-May-2013 23:52:43 MEST