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Was ist eigentlich "Tracht"?


 

Der Begriff "Tracht" ist ein hart umkämpfter. Ähnlich wie bei "Kultur" gibt es ungefähr so viele Definitionen, wie Leute, die sich damit befassen.

"Tacht" ist etymologisch verwandt mit "tragen", d.h. es ist das, was man trägt (auch trächtig) bzw. was man auf einmal tragen kann (z.B. eine Tracht Holz) oder ertragen kann (eine Tracht Prügel)*. Tracht im textilen Sinn ist das, was man auf dem Leib trägt. Also Kleidung. Von Tradition oder regionalen Unterschieden ist an dem Begriff zunächst überhaupt nichts dran. Erst durch Kontext und Interpretation verengt sich der Trachtenbegriff.

Liest man Texte des 18. Jahrhunderts, findet man den Begriff "französische Tracht" und stellt fest, daß damit das gemeint ist, was wir heute als die Mode des 18. Jh. bezeichnen würden. Wo bleibt denn da die Trennlinie zwischen Tracht und Mode?

"Im Fauwenzimmer wirt vermeldt von allerley schönen Kleidungen unnd Trachten..." beginnt der Titel von Jost Ammans Frauentrachtenbuch von 1577. Im 16. Jh. waren Trachtenbücher sehr beliebt. Sie zeigten die Kleidung der verschiedenen Stände an verschiedenen Orten. Schon damals zeichnete sich ab, daß der Begriff "Tracht" nicht Kleidung überhaupt bezeichnete - sonst hätte es ja nicht Kleidungen und Trachten geheißen - , sondern spezielle Kleidung: Die der Inhaber bestimmter Ämter (Amtstracht), der angehörigen religiöser oder weltlicher Orden (Ordenstracht), bestimmter Berufe (Zunfttracht), der Einwohner bestimmter Gegenden (Regionaltracht).

"Tracht" ist demnach ein Kleidungsensemble, das von einer bestimmten Gruppe getragen wird und diese Gruppe von allen anderen unterscheidet. Ob die Unterscheidung eine berufliche, regionale oder soziale ist, ist unerheblich. So gesehen sind auch heutige Uniformen (Amts-) Trachten (kein Wunder also, daß der Volksmund die Polizei salopp als "die Herren vom Trachtenverein" bezeichnet), ebenso die klassische Kleidung der Handwerksgesellen auf der Walz. Die weißen Kittel der Ärzte, die grünen oder blauen der Chirurgen samt Mundschutz und Haube, der Blaumann des Fließbandarbeiters sind Berufstrachten; ja sogar die Kleidungsstile der Punks oder Goths können als Trachten angesehen werden: An der Kleidung erkennt man die Gruppenzugehörigkeit, aber es müssen mehrere Merkmale zusammenkommen. So gesehen erscheint es lächerlich, den Begriff "Tracht" (sofern man darunter traditionelle Kleidung versteht) in einem Atemzug mit der sogenannten Landhausmode zu nennen, die nur einzelne Stilmerkmale der traditionellen Kleidung zitiert - einerseits. Andererseits ist das unsägliche, z.T. aus alten Mehlsäcken gefertigte Landhauszeugs, das alljährlich auf dem Oktoberfest das Auge beleidigt, durchaus auch eine Tracht, demonstriert es doch die Zugehörigkeit des Individuums zur Gruppe der geschmacksverirrten Wiesngänger.

Die Trachtenbücher des 16. Jh. machen auch deutlich, daß die Kleidung je nach Region und sozialer Schicht unterschiedlich war. Das ist nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, daß der Normalbürger selten über den nächstgrößeren Marktort hinauskam, daß es keine Zeitschriften gab und daß der größte Teil der Bevölkerung sie nicht hätte lesen können. Neue Impulse für die Mode erreichten einen beliebigen Ort also nur auf drei Wegen: Durch ortsansässige oder durchreisende Adlige und reiche Bürger, durch reisende Händler, oder durch Besuch im Nachbarort bzw. aus demselben.

Bei jeder dieser Berührungen werden jeweils nur einzelne Merkmale übernommen: Eine Kragenform, eine Verzierung, die Rocklänge... Dasjenige Merkmal, das sich die Modeführer des jeweiligen Ortes aneignen, hat die größte Chance drauf, von den anderen Einwohnern übernommen und der existierenden Tracht hinzugefügt zu werden. Und das ist möglicherweise in jedem Ort ein anderes Merkmal, je nach Geschmack der jeweiligen Modeführer.

Je größer eine Ortschaft und je näher sie an einer Residenzstadt ist, desto eher ist die Bevölkerung Einflüssen von außen - über den in der Residenzstadt wohnenden Adel auch aus dem Ausland - ausgesetzt. Das ist wohl auch der Grund, warum sich die Trachten größerer Städte im 18. Jh. zwar im Detail unterscheiden, aber im Großen und Ganzen ähnlich sind. Wie die Memoiren Casanovas zeigen, reisten in dieser Zeit relativen Friendens viele angehörige der müßigen Klasse, aber auch Künstler kreuz und qer durch Europa, von einer Residenzstadt zur nächsten. So sind die Trachten der Bürgerinnen von München, Augsburg, Ulm, Straßburg und Frankfurt im 18. Jh. einander in den wesentlichen Punkten ziemlich ähnlich.

Kommunikation war damals und ist auch heute noch Träger des Modewandels. Je mehr Zugang jemand zu Kommunikation hatte und je weiter die Kommunikation reichte, desto größer war die Ähnlichkeit zwischen seiner Tracht und der anderer Regionen bzw. Schichten: Der Hochadel sowie einige Intellektuelle und Händler kommunizierten (durch Briefe, Zeitschriften, Reisen) gesamteuropäisch, also kleideten sie sich nach Pariser Vorbild, während das Kommunikationsnetzwerk von Bauern nur bis zur nächstgrößeren Stadt reichte.

"Unter Volkstracht versteht man eine eigene Art von Tracht, die mehr oder minder von der grossen Mode abweicht und nur in bestimmten Bezirken Geltung hat, also gleichsam einen Dialekt des Modekostüms bildet." (F. Hottenroth 1923, S. 1) Man beachte, daß das bedeutet, daß die Tracht sich mit der jeweils herrschenden Mode verändert: Es gibt nur eine mehr oder minder große Abweichung von der jeweiligen Mode.

Solange die Kommunikation nur schriftlich (und wer konnte schon lesen?) oder direkt sein mußte, ging alles ganz langsam, so daß nur die oberen Schichten überhaupt am Modewandel teilnehmen konnten. Die Normalbürger orientierten sich an diesen. Mit der Beschleunigung der Kommunikation im 19. Jh. (Alphabetisierung, Post, Eisenbahn etc.) erreichte der Modewandel auch die Provinz und ebnete so die regionalen Unterschiede allmählich ein. Das erklärt das Aussterben der regionalspezifischen Trachten im Verlauf des 19. Jh. und warum die ländliche Bevölkerung - die erst durch Radio, Telefon und Fernsehen richtig in die Kommunikation eingebunden wurde - am längsten an der überkommenen Tracht festgehalten hat. Übrigens sehe ich beim Dialekt ähnliche Entwicklungen: Schon heute gibt es auch im tiefsten Bayern Leute, die am Telefon "Guten Tag" sagen, bei Wörtern wie Stil oder Struktur über den s-pitzen S-tein s-tolpern und die bekannte Doppelhelix als DNA bezeichnen, nur weil es ihnen die Massenmedien so vormachen. Hottenroths Vergleich mit dem Dialekt paßt also noch immer gut.

Das Aussterben der Regionaltrachten ist eine Folge des Fortschritts, und zwar nicht nur des technischen, sondern auch des sozialen: Zunehmende Alphabetisierung, Aufstieg des Bürgertums und schließlich Elektrifizierung selbst abgelegener Einödhöfe. Man mag dem technischen Fortschritt skeptisch gegenüberstehen, aber wer würde den Arbeitern und Bauern mißgönnen, daß sie (zumindest in der Theorie, siehe PISA) ebensoviel Zugang zu Bildung und Information haben wie jeder andere?

Was wir heute als Regionaltrachten kennen, ist eigentlich nur die regional abgewandelte Modetracht, die zur Zeit ihres Aussterbens fossiliert wurde. Die "typische" Münchner Tracht z.B. trägt deutliche Züge der Biedermeiermode; ab dem Biedermeier gingen die Münchnerinnen im Alltag zur Modetracht über, so daß sich die Regionaltracht danach nicht mehr veränderte, weil niemand sie mehr trug. Gerade mal ein, zwei Jahrzehnte lang hielt sich das Merkmal der Münchner Frauentracht, die Riegelhaube, als Kopfbedeckung zur biedermeierlichen Modetracht, bevor auch sie aus dem Alltag verschwand. Eine Tracht, die niemand mehr im Alltag trägt, wandelt sich nicht mehr mit der Mode und ist mithin tot. Ein Fossil. So gesehen sollte ich vielleicht nicht so sehr über die "wandelnden Mehlsäcke" der Okoberfestbesucher herziehen, denn aus irgendeinem unerfindlichen Grund (etwa aus "völkischen" Beweggründen? Darüber denke ich lieber nicht nach...) hat sich die Münchner oder oberbayrische Tracht nach einigen Jahrzehnten des Scheintods um 1930 herum wieder erhoben und ist seither zum Teil (durch Trachtenvereine) im Zustand des mittleren 19. Jh. rekonstruiert und beibehalten worden, zum Teil brav der Mode gefolgt (z.B. mit Mini-Dirndln in den frühen 1970ern), wie es die Trachten immer schon taten. Die Mehlsäcke sind also nur eine logische Fortführung der Idee von Tracht, auch wenn sie mir noch so sehr auf den... Mehlsack gehen.

Als im frühen 20. Jh. sich eine Trachtenbewegung zu bilden begann, war es nur natürlich, daß sie sich auf die jeweils letzte Manifestation der jeweiligen Regionaltracht vor ihrem Verschwinden stützte: Es war die nächstliegende und am leichtesten zu erforschende, da die Quellen noch nicht allzu sehr ausgedünnt und evtl. noch lebende Zeitzeugen zu finden waren. Diese letzte greifbare Manifestation wurde durch die Wiederbelebung als Tracht der Region XY quasi festgeschrieben. Daher verstehen die meisten Menschen heute unter dem Begriff "Tracht" etwas, das von Zeit unabhängig ist - also unveränderbar - , aber absolut abhängig von der Geographie. Die meisten Trachtenvereine behandeln Tracht so, als ob es für ihre Region nur eine gültige Tracht gäbe. Aber wenn die Tracht einer vergangenen Epoche - des mittleren 19. Jh. - gültig ist, warum nicht auch die anderer vergangener Epochen, also des 18. Jahrhunderts und früher?

Ich neige dazu, die Tracht so zu behandeln wie die Mode: Es gibt nicht die Mode, sondern nur die "herrschende" (gesamteuropäische) Mode von 1568, 1678 oder 1717. Ebenso gibt es die Augsburger Tracht von 1687, 1732 oder 1817, die Münchner Tracht von 1638, 1760 oder 1830 usw. Die Trachtenvereine, die die Tracht ihrer jeweiligen Region wiederbeleben wollen, sind für mich nicht allzu verschieden von den Reenactors, nur daß die Schwerpunkte anders sind: Reenactors neigen dazu, Stile verschiedener Regionen zu mischen, gehen aber über die Klamotte hinaus und kochen, schlafen, leben gemäß ihrer Zeit. Trachtenvereine beschränken sich auf die Klamotte und leisten sich dafür den Luxus, diese regional- und zeittypisch nachzuarbeiten.

 

*) Kluge. Etymologisches Wörterbuch. Berlin, New York: De Gruyter, 1999

Friday, 13-Nov-2009 12:42:37 MET