Herstellung einer Chemise

 


Das Hemd, das ich meist Chemise nenne, um es vom Männerhemd zu unterscheiden, ist eine Art Unterhemd oder Unterkleid, das in kaum veränderter Form vom 16. bis ins frühe 20. Jh. als unterste Kleidungsschicht getragen wurde, von allen Gesellschaftsschichten und unter allen Kleidern. Es diente auch als Nachthemd - vermutlich ging frau in eben dem Hemd ins Bett, das sie tagsüber getragen hatte, und legte morgens ein neues an, so sie es sich finanziell leisten konnte, jeden Tag ein frisches zu tragen. Wie hier dargelegt, wurde in vielen Haushalten nur einmal im Quartal Wäsche gewaschen, d.h. um die Wäsche täglich wechseln zu können, mußte man 90 Hemden haben. Selbst eine wohlhabende Stadtbürgerin dürfte ihr Hemd folglich zwei bis drei Tage lang getragen haben. Sofern es nicht gerade sehr heiß und/oder Tante Rosa zu Besuch ist, ist solch ein Turnus auch aus heutiger Sicht nicht so unhygienisch, wie es gern vom 18. Jh. behauptet wird.

Der Stoff

Der am besten geeignete Stoff - wenn es um Authentizität geht - ist weißes, aber nicht schneeweißes Leinen, und zwar in dem Feinheitsgrad, wie man es für moderne Hemden, Blusen oder feine Bettwäsche verwenden würde. Würde, denn diese Stoffe gibt es in diesem Feinheitsgrad heute nur noch aus Baumwolle. Geht man in ein Geschäft und verlangt feines Leinen, dann bekommt man allzu oft einen Stoff, der zwar aus dünnen Fäden ist, aber mit zienlich viel Luft zwischen den Fäden und entsprechend durchsichtig. Da man von einem Frauenhemd sowieso wenig bis nichts sieht, sei es einer jeden selbst überlassen, wie sie dieses Problem meistert. Falls Du über Seide nachdenkst, lies bitte die Anmerkungen am Ende der Seite über Männerhemden, die Dich hoffentlich von der Idee abbringen werden. Dort finden sich auch weitere Informationen über geeignete Stoffe.

Für eine Unterschicht-Darstellung sollte gröberes, halbgebleichtes Leinen gewählt werden. Richtig geeignet ist da nur sogenanntes Bauernleinen, d.h. antikes, meist handgewebtes Aussteuerleinen, das sogar noch teurer und schwerer zu finden ist das das feine Leinen für die Ober- und Mittelschicht. Auch hier ist das meiste, was man so findet, zu grob. Zwar ist selbst grobes (d.h. dickfädiges) Leinen oft erstaunlich weich (manches antike Sackleinen schlägt Aina von IKEA um Längen), aber die Brustwarzen könnten da anderer Ansicht sein. Ich umgehe das manchmal, indem ich den oberen Teil des Hemdes bis zum unteren Ende der Achselkeile aus mittelfeinem Leinen mache, alles darunter aus grobem. Das habe ich von Chemisen des 19. Jh. abgeschaut, aber im 18. Jh. könnte es ähnlich gehandhabt worden sein. Daß die (teilweise sichtbaren) Ärmel aus feinerem Stoff waren als der Rest, ist im 18. Jh. nichts ungewöhnliches. Daß der untere Teil eines Hemdes aus gröberem Stoff gemacht wurde als der obere, ist meines Wissens nur für das mittlere 19. Jh. nachgewiesen1, aber daß ein hintenrum durchgescheuerter oder durch Blutflecken verdorbener unterer Teil abgeschnitten und durch evtl. gröberen Stoff ersetzt wurde, ist für das 18. Jh. durchaus plausibel, wenn man bedenkt, wie teuer Stoff damals war.

 

 

Übersetzung der englischen Bezeichnungen:

  • neck opening = Halsöffnung
  • back = hinten
  • front = vorn
  • sleeve = Ärmel
  • side gore = Seitenkeil
  • unnderarm gore = Achselkeil

Es dürfte offensichtlich sein, daß es sich bei dem obigen Schnitt nur um eine Skizze handelt, die die allgemeine Machart verdeutlichen soll. Die Anpassung auf deine Maße ist leicht gemacht. Da eine Chemise nur aus rechteckigen und dreieckigen Teilen besteht, ist das Zuschneiden eine recht einfache Sache, die obendrein für minimale Stoffverschwendung optimiert war:

Das obige ist mit Absicht ohne genaue Maße, damit eine jede ein für sie passendes Hemd schneidern kann, egal wie groß oder klein, dünn der dick sie sei.

Stoffökonomie

Minimale Stoffverschwendung spielte im 18. Jh. eine große Rolle, weil das Garn von Hand gesponnen2 und verwebt werden mußte, der Stoff also teuer war. Gleichzeitig war die Webbreite eines Handwebstuhls meist auf 70-80 cm begrenzt. Für die Stoffökonomie war das die ideale Breite:

Die obige Abbildung gilt auch dann, wenn der Stoff nur 70 cm breit liegt. Dann dreht man die beiden Ärmel einfach um 90° und macht sie 35 x 40 cm groß. Wenn die Keile kürzer sind, macht das nichts. Für füllige Gestalten allerdings können Stoffbreiten unter 80 cm zum Problem werden. Da empfiehlt sich Variante A unter den alternativen Schnitten am Ende dieser Seite. Im Beispiel oben braucht man bei 80 cm Stoffbreite gut dreieinhalb Meter Stoff.

Da Stoffe heute meist 150 cm breit sind, hat man für gewöhnlich ziemlich viel Verschnitt:

Von der Stoffökonomie her wäre es in diesem Fall sinnvoller, zwei Chemisen auf einmal zuzuschneiden, und zwar genau so wie oben beim Beispiel für 70-80 cm Stoffbreite. Man tut einfach so, als hätte man es mit zwei Stoffbahnen à 75 cm Breite zu tun. Der Nachteil bei 150 cm breiten Stoffen ist, daß man keine Webkante hat, die einem an den langen Nähten das Versäubern erspart. Andererseits sind die Webkanten moderner Stoffe sowieso fast immer ungeeignet und sollten weggeschnitten werden.

 

Die Methode

Historisch überliefert sind Kappnähte*, die schön flach liegen und also nicht drücken. Es gehen auch französische Nähte (meines Wissens nicht belegt). Auf die Versäuberung zu verzichten, wäre sehr unauthentisch, denn damals wurde auf Haltbarkeit Wert gelegt. Das Hemd sollte selbst bei den recht brutalen Waschmethoden der Zeit für Jahre halten, und das wäre selbst bei einem wenig fransenden Stoff nicht möglich.

Es gibt viele verschiedene Arten, eine Chemise zusammenzusetzen - dies ist meine.

Setze an ein Ende einer der Längskanten jedes Ärmels jeweils eines der kleinen Quadrate, den Achselkeil. Falte den Ärmel der Länge nach in der Mitte. Falte das Quadrat diagonal so, daß eine Spitze zum Ellbogen zeigt. Nun liegt eine Seite des Quadrats an der anderen Längskante des Ärmels; nähe sie zusammen. Wenn Du nun von der ellbogenwärts zeigenden Spitze des Quadrats bis zum Handgelenks-Ende die Längskanten des Ärmels zusammennähst, ist der Ärmel fertig. Beide Ärmel sind genau gleich, also mußt Du auf links und rechts nicht aufpassen.

Der Ärmelsaum wird unterschiedlich versäubert, je nach Paßform des Ärmels. Weite Ärmel, die an der Schulter eingereiht werden, werden auch unten eingereiht und an ein schmales Bündchen gesetzt*, das Knopflöcher haben kann, aber nicht muß. Schmale Ärmel werden nur doppelt umgeschlagen*.

Setze nun die vier Seitenkeile an die Längsseiten des Hauptteils, jeweils vom unteren Ende aufwärts. Falte dann das Ganze der Quer nach, also entlang der Schulterlinie, so daß die Saumkanten aufeinanderliegen. Schließe die Seitennähte bis zur Spitze der Keile. Setze nun die Ärmel so ein, wie man es immer macht und schließe dann den Rest der Seitennaht zwischen Keilspitze und Achselstück, sofern da noch ein Rest bleibt.

Nun ist der Saum dran. Es hilft, wenn Du die unteren Enden der Keile schräg abschneidest, so daß der Saum nach außen hin ein wenig gerundet nach oben geht. Dadurch ersparst Du Dir Probleme beim Säumen an den äußeren Ecken, und der Saum zipfelt weniger an der Seite. Gehe aber nicht so weit, den Saum insgesamt rund zu schneiden. Unterkante zweimal umschlagen und mit Saumstich befestigen.

Jetzt der Halsausschnitt. Die historische Methode ist wahrscheinlich, zuerst das Loch zu schneiden, bevor man überhaupt mit dem Nähen beginnt. Aus dem Stoffstück nämlich, das hierbei anfällt, kann man den Kleinkram, der in der Schnittübersicht oben rechts der Keile auftaucht - neben Verschnitt, den wir doch vermeiden wollen - aus diesem Stück also kann man Achselkeile und Manschetten machen, wenn man mit der Nahtzugabe sparsam ist. Für jemanden, der noch nie eine Chemise gemacht hat, gehört allerdings viel Mut dazu, mal eben ein großes (womöglich zu großes?) Loch in den Stoff zu schneiden. Da opfert man vielleicht doch lieber ein paar cm mehr Stoff.

Die eher unhistorische, aber sichere Methode geht so: Am besten schneidest Du zuerst ein relativ kleines (so groß wie der Hals) Loch in die Schulterlinie und einen kleinen Schlitz vorn senkrecht runter, so daß gerade der Kopf durchpaßt. Ziehe das Korsett und die Robe an, die Du über dieser Chemise tragen willst, und ziehe die Chemise darunter möglichst straff und glatt. Laß Dir von jemandem die Ausschnittkante, die von Korsett und Robe gemeinsam gebildet wird, mit Schneiderkreide auf der Chemise markieren. Da die Chemise nicht unter den Obergewändern herausspitzen soll, sollte der Ausschnitt bis eben da geschnitten werden, nicht kleiner. Etwas größer geht aber allemal, sofern man ein Zugbändchen einzieht. Eine Ausnahme bilden Chemisen fürs einfache Volk, die eher hochgeschlossen sein können - auch wenn sie es meistens nicht sind. Falls die Markierung Ecken aufweist, schneide sie so rund wie möglich, sonst gibt's Probleme mit dem Versäubern.

Versäubern des Halsausschnitts durch schmales zweifaches Umschlagen und Saumstich (historisch). Schmal bedeutet hier: 2-5 mm breit. Auch ein Argument für möglichst feinen Stoff, denn je feiner, desto leichter lassen sich solch schmale Säume machen. Je breiter der Saum, desto schwieriger wird es, um die Kurve zu kommen, ohne daß sich Schrägfalten bilden.

Für Ungeübte ist es vielleicht einfacher, eine Schrägstreifen-Blende aufzusetzen, d.h. einen schmalen Streifen Hemdstoff, der diagonal zum Fadenlauf geschnitten wurde, rechts auf rechts von außen an die Halskante nähen, nach innen umzuschlagen, einmal unterschlagen und mit Saumstich festnähen (nicht historisch).

Viele Anleitungen gehen davon aus, daß in die Ausschnittkante ein Zugbändchen gehört, und auch ich bin diesem Glauben aufgewachsen. Inzwischen habe ich ein paar erhaltene Hemden gesehen (allerdings leider nie aus der Nähe), die nicht den Eindruck machten, als ob jemals ein Zugband darin gewesen wäre. Bei einer extrem schmalen Versäuberung ist es schwierig, genug Platz dafür zu lassen. Nötig ist es auch nicht, denn die Oberkleidung hält den Ausschnitt am Platz. Also wozu? Die unermüdliche Sharon Ann Burnston hat mehr Originale gesehen, auch aus der Nähe, und besitzt das Eine oder Andere, und auch sie findet: keine Zugbänder. 3

Damit ist eine einfache Chemise fertig. Aber für das 18. Jh., zumindest für Darstellungen der gehobenen Mittel- bis Oberschicht, reicht das nicht ganz....

Auszier

Je nach finanziellem Vermögen der dargestellten Person gibt es keine weitere Auszier (arbeitende Bevölkerung), Ausschnitt- und Ärmelvolants aus feinem Batist oder gar Spitzenbesatz. Spitzen sind wohlgemerkt wohlhabenden Leuten vorbehalten; nur wirklich Reiche hätten Klöppel- oder gar Nadelspitzen auch im Alltag tragen können. Die Volants, egal ob aus Spitze oder Batist, sollten am Ausschnitt 1,5 bis 3 cm breit sein und am Ärmel 10-20 cm. Beide müssen vor dem ansetzen mehr oder minder eingereiht werden - je nach Geschmack und verfügbarer Menge. Das Bild rechts zeigt den Halsausschnitt eines Hemdes aus etwas groberem Leinen, besetzt mit einer Rüsche aus Leinenbatist. Unten das Ärmelbündchen dazu. Solche Batistvolants können problemlos mit in die Waschmaschine.

Engageante aus Dresdner Spitze

(c) Metropolitan Museum, Inv. 1975.34.5ab

Da eine Chemise direkt auf der Haut sitzt, wird sie recht häufig gewaschen werden müssen. Die schmale Spitze am Halsausschnitt kann meistens problemlos mitgewaschen werden, wenn sie nicht gerade sehr fein und kostbar ist. Die breite Spitze der Engageantes hingegen würde bestenfalls fürchterlich verkrumpeln, schlimmstenfalls gar kaputtgehen. Setze also über die Oberkante der zuvor gerafften Spitze ein längs gefaltetes Stoffband (wie einen Rockbund), das Du dann am Ärmel festheftest (siehe Bild rechts). Auf diese Weise kannst Du die Spitze leicht anheften und abtrennen, ohne Risiko für die Spitze selber und ohne sie jedesmal wieder einreihen zu müssen. Auf diese Weise kann man sie auch von einem Hemd zum nächsten transferieren und braucht nicht für jeses Hemd wieder eine neue Spitzengarnitur. Zur Wahl geeigneter Spitzen siehe auch die Spitzenseite.

 

 

Alternative Schnitte

Das obige war nur ein möglicher Grundschnitt. Er ist mit anderen Ausschnittformen und Ärmellängen, anderen oder keinen Spitzen auch für das 16.-19. Jh. geeignet. Je nach Stoffbreite sind auch andere Schnittmethoden denkbar - jeder Epoche aber ist die Grundform gemeinsam, und daß sie aus der verfügbaren Stoffbreite das Beste machte. Daher würde ich auch eher einen Schnitt so abwandeln, daß er aus den modernen 140 oder 150 cm breiten Stoffen das meiste rausholt, als mich sklavisch an einen historischen Schnitt zu halten und dabei quadratmeterweise Stoff zu verschwenden. Das entspricht einfach mehr dem wirtschaftlichen Geist der Epoche - und wenn man an heutige Leinenpreise denkt, ist das auch besser.

Die drei Schnitte oben stammen aus Garsaults "L'art de la lingère".
Die mittlere (B) heißt à la française und entspricht in etwa der oben vorgestellten Methode, wobei allerdings der Korpus aus einem 120 cm breiten Stoff so geschnitten wird: Der Länge nach halbieren und die zwei 60 cm breiten Teile mit einer Schulternaht zusammensetzen.
Beim linken Bild A (à l'anglaise) hat man eine Stoffbreite von 80-90 cm. Der Korpus wurde bis zu einem Punkt etwa auf der Hälfte zwischen Schulter und Saum schräg geschnitten und der Keil, den man dabei wegschneidet, unten wieder angesetzt.
Bild C ist eine weitere Variante der anglaise, bei der der Korpus auf einer Seite entlang der Stoffkante liegt und auf der anderen obenherum zunächst gerade geschnitten wird und dann, ab der Achsel, auf einer Seite schräg bis zum Saum. Der weggeschnittene Keil wird auf der anderen Seite angesetzt.

Alle diese Chemisen sind oben auf der Schulter 60 cm breit. Daraus folgt, daß Version A für großbusige Figuren besonders geeignet ist, weil auf Brusthöhe mehr Weite zur Verfügung steht, Version für mittlere und Version B eher für zierliche Figuren.

 

Wer mit mehr Detailtiefe erfahren will, wie Hemden damals wirklich gemacht wurden, wie sich die Ärmel- und Ausschnittformen im Lauf der Zeit veränderten oder wie man ein Original datieren kann, sollte sich die Hemden-Spezialseite von Sharon Ann Burnston anschauen.

 

*) Mit einem Stern markierte Aussagen basieren auf Garsaults "L'art de la lingère".
1) Ein durch Stickerei auf 1856 datiertes Hemd aus meinem Besitz
2) Mechanische Spinnmaschinen wurden zwischen 1738 und 1770 entwickelt, aber bis ins 19. Jh. hinein mußten Mädchen ihre Aussteuer noch selbst von Hand spinnen. Vgl. Zimmermann, P. Die junge Haushälterinn. Luzern: J.M. Anich, 1807 (Erstauflage 1787)
3) http://www.sharonburnston.com/shifts.html