Herstellung eines Männerhemds

 


Die folgende Anleitung und die Schnittdiagramme stammen aus L'art du tailleur von Garsault, veröffentlicht in den 1760ern. Daher die Numerierung der Abschnitte und die Verwendung ungewohnter Maßeinheiten. In Klammern habe ich die gerundeten Umrechnungen in Zentimeter angegeben. Hier mehr Info über die Umrechnung.
Garsaults Originaltext (in Übersetzung von mir) steht im Folgenden links; rechts ist meine Fassung mit zusätzlichen Erklärungen. Die Bilder sind durch anklicken vergrößerbar.

Zur Stoffwahl siehe Frauenhemden sowie die Anmerkungen am Ende dieser Seite.

 

273. Männerhemd, fig. BB, Tafel III. Man braucht für eine normale Größe einen Stoff von zwei Tiers [80 cm], & für einen dickeren Mann einen Stoff von drei Quarts [90 cm] Breite, ansonsten ist die Metrage, Schnitt und Machart für beide gleich. Die Ärmel des Hemdes brauchen gewöhnlich eine halbe Aune [60 cm], so breit wie der Stoff; der Körper das, was übrigbleibt, wenn man die Ärmel geschnitten hat: Das wird ungefähr eine Aune [119 cm] in der Länge sein, der Stoff in der Breite doppelt gelegt.

274. Die Zutaten, viz., den Kragen, zwei Schulterstücke a a, & ihre Keile, zwei Keile für die Achselhöhle b b, zwei Keile für unten c c, & das Brustherz d, nimmt man auf zwei Weisen aus dem Stoff, wie erklärt werden wird. Für sechs Hemden braucht man 17-18 Aunes [20,2-21,4 m]; siebzehn wenn man die Zutaten aus der Seite des Ärmels nimmt, achtzehn wenn man sie extra schneidet.

275. Die Zutaten aus der Seite des Ärmels zu nehmen. Das geht so: Wenn Ihr Eure 17 Aunes Stoff genommen habt, beginnt damit, 6 Aunes [7,13 m] für die 6 Paar Ärmel abzuschneiden. Von diesen sechs abgeschnittenen Aunes nehmt an einer Seite des Randes bis zum Ende ein Band von 5 Pouces [13,5 cm] ab, was für die Zutaten der sechs Hemden reichen wird; der Rest des Stoffes, in sechs geteilt, ergibt die Körper der Hemden.

276. Die Zutaten aus 18 Aunes extra zu schneiden. Beginnt damit, an einem Ende eine Aune abzuschneiden; diese Aune wird für die Zutaten beiseite gelegt. Der Rest wird verteilt wie zuvor. Der einzige Unterschied zwischen den Zuschnitten ist, daß die Ärmel beim ersten um fünf Pouces weniger Weite haben als beim zweiten. [...]

Bei Männer- wie Frauenhemden wurde auf möglichst gute Stoffausnutzung geachtet. Nicht umsonst hält sich Garsault vier Absätze lang mit dem Zuschnitt auf. Deshalb wurde auf verschiedene Größen kaum Rücksicht genommen: Leinen wurde meist 80-90 cm breit gewebt, also bekam ein schlanker Mann ein 160 cm weites, ein dicker ein 180 cm weites Hemd, punktum. Beim Nachschneidern sollte man sich nicht sklavisch an Garsaults Maßangaben halten, sondern wiederum danach gehen, wie man aus dem vorhandenen Stoff möglichst viel herausholt.

Die meisten Leinenstoffe liegen heute 150 cm breit. Mein Vorschlag also: Der Stofflänge nach einen 80 cm breiten Streifen abschneiden - das wird der Leib. Vom verbleibenden 70 cm breiten Streifen schneidet man 2x 60 cm ab - die Ärmel. Was dann noch übrig ist, wird zu Manschetten, Kragen etc. Was Garsault unter 275. vorschlägt, ist im Resultat das gleiche: Die Ärmel sind dort 70 cm weit anstatt wie normalerweise (siehe 273 & 276) so weit, wie der Stoff breit ist (=80 cm). Diese Textstelle ist auch der einzige explizite Hinweis darauf, welches der Maße die Ärmelweite ist (nämlich das längere) und welches die Länge (60 cm).

Vieviel Stoff man braucht, kommt auf die Länge des Hemdes an. Aus Garsaults Angaben läßt sich herauslesen, daß sie 120 cm beträgt, das Hemd also etwa bis zu den Knien reicht. Folglich braucht man von einem 150 cm breiten Stoff 2,4 Meter. Das läßt also von dem 70 cm breiten Streifen 1,2 Meter für das Kleinzeug übrig.

Zusammenfassend brauchen wir:

  • 1 Leib 240 x 80 cm
  • 2 Ärmel je 60 x 70 cm
  • 2 Achselkeile je 8 x 8 cm
  • 2 Schulterstücke je 18 x 7 cm
  • 2 Halskeile je 8 x 8cm
  • 1 Brustherz 5 x 5 cm
  • 1 Kragen 14 cm mal Halsweite plus 4 cm plus Nahtzugabe
  • 2 Schlitzkeile je 6 x 6 cm
  • 2 Manschetten je 5 cm mal Handgelenksweite plus 2 cm plus Nahtzugabe

Wenn nicht anders erwähnt, sind Nahtzugaben inbegriffen.

277. Herstellung. Um ein Hemd zu machen, beginnt man damit, die Ärmel so vorzubereiten, daß nichts bleibt als sie an ihrem Platz zu befestigen; & dazu macht man zuerst die untere Naht, die die beiden Seiten vereint; man macht sie überwendlich & als Kappnaht; man spart dabei an einem Ende zwei Pouces und am anderen drei Pouces aus: Die zwei Pouces [5,5 cm] sind für den Achselkeil & die drei Pouces [8 cm] bleiben für den Schlitz e e offen. Nun geht es darum, den Achselkeil einzusetzen; er hat die Form einer Raute & man näht ihn von Ecke zu Ecke an die Seiten der Öffnung; die andere Hälfte der Raute wird an den Körper angenäht, wenn man den Ärmel einsetzt.

278. Der Schlitz, der in der Manschette endet & offenbleibt, wird mit zwei Kanten besetzt.

279. Der Achselkeil b b, von dem eben die Rede war, ist ein kleines Rechteck von zwei Pouces [5,5 cm] Stoff, die man rundherum einschlägt und von innen überwendlich annäht.

Das Hemd kann man ruhig auch etwas kürzer machen als 1,20 m, damit es nicht so schwer in die Hose zu stopfen ist. Die scheinbar viel zu große Leibweite von 160 cm und Ärmelweite von 70 bzw. 80 cm hingegen werden am fertigen Hemd gar nicht mehr so extrem erscheinen, selbst wenn der Träger eine schmale Figur hat. Zu Garsaults Zeiten waren die meisten Männer deutlich kleiner und schmaler als heute, so daß man eher erwägen sollte, für einen nach heutiger Einschätzung normal gebauten Mann 90 cm Breite zu wählen, für einen groß und kräftig (nicht dick) gebauten vielleicht 95-100 cm, und für einen auch nach heutigem Verständnis Dicken noch mehr. Allerdings hat man dann ziemlich viel Verschnitt: Bei 90 cm Leib-Breite (=180 cm Leibweite) ist der der seitlich übrige Streifen noch 60 cm breit (=Ärmellänge), so daß man zweimal 70-80 cm (=Ärmelweite) abschneiden kann, bleiben 60x80 cm für Kleinzeug. Paßt. Bei größerer Leib-Breite wird der Streifen zu schmal, um die Ärmel daraus zu gewinnen. Für die müßte man dann bei 150 cm Stoffbreite 60 cm Stoffverbrauch addieren (das gibt zwei Rechtecke zu 60 x75 cm).

Die Maße in der folgenden Anleitung gehen von 80 cm Leib-Breite aus. Wenn Du ein weiteres Hemd machst, bedenke bitte, daß sich das auf die Breite des Halsausschnitts und/oder der Schulterstücke auswirkt. Verteile die zusätzliche Weite gleichmäßig auf einen längeren Querschlitz und längere Schulterstücke: Wer insgesamt breiter ist, wird wohl auch einen größeren Halsumfang und breitere Schultern haben. Wenn Du aber eher breitschultrig bist, mach lieber die Schulterstücke in der Relation länger.

Die Nähte, die das Hemd zusammenhalten, sollte man als Kappnaht einrichten. Daß Garsault teilweise überwendliche anstatt Kappnähten fordert, liegt daran, daß er an diesen Stellen Webkanten hat (Leib und Ärmel nutzen ja die volle Stoffbreite aus), so daß nicht versäubert werden muß. Der Verzicht auf Nahtzugaben spart Stoff. Beim Achselkeil (279) hingegen ist eine Kappnaht sinnvoll, weil der Keil wegen der Armbewegungen einiges an Zug aushalten muß. Falls Du nicht gerade handgewebtes Aussteuerleinen in 80 cm Breite verarbeitest, mußt Du Garsaults überwendliche Nähte vergessen und durch Kappnähte erstezen.

Die Ärmel werden so zusammengesetzt, wie beim Frauenhemd beschrieben - siehe dort. Eine Ausnahme: Am unteren Ende des Ärmels läßt man die Naht auf etwa 8 cm offen. Die Kanten dieses Schlitzes schlägt man zweimal schmal um und näht sie mit Saumstich fest. Oder man setzt, wie Garsault unter 278 vorschlägt, jeweils einen schmalen Streifen mit untergeschlagenen Kanten auf. Erstere Variante ist weniger aufwendig.

Den Achselkeil (8 x 8 cm) habe ich etwas größer gemacht als Garsault. Seine 5,5 cm sind auf einmal umschlagen und überwendliche Naht ausgelegt (279), meine auf Kappnaht, was mehr Zugabe erfordert. Der Sinn des Achselkeils ist, daß entlang der größten Zugbelastung (von der Seitennaht zur Ärmelnaht) der Stoff diagonal zum Fadenlauf liegt, und in der Diagonale ist Stoff dehnbarer. Eine längere Diagonale (d.h. ein größerer Achselkeil) ist mithin von Vorteil für die Haltbarkeit. Die Größe des Keils ist dadurch nach oben begrenzt, daß der Hemdärmel noch durch das Armloch der Weste passen muß. Größer als 10 x 10 cm sollte der Keil also nicht sein.

280. Die Schulterstücke a a werden gewöhlich sechs Pouces [16 cm] lang & zwei [5,5 cm] Pouces breit geschnitten; man schneidet das Stück an einem Ende mittig drei Pouces [8 cm] ein, um diesen Schlitz mit einem quadratischen Keil gleicher Länge zu füllen, den man auf die gleiche Weise annäht wie den Achselkeil; auch hier bleibt die Hälfte, die später an das Hemd genäht wird. Wenn Ihr die Mitte des Körpers durch eine Falte oder anderweitig markiert habt, macht entlang der Falte einen Schlitz abwärts, sechs Pouces lang: Diese Öffnung heißt Brustschlitz. & macht gleich vom Brustschlitz aus rechts und links einen Schlitz entlang des Bruches, bis auf sechs Pouces von den beiden Enden, und in diese werden die Schulterstücke a a eingesetzt, die Ihr hier mit Rückstichen annäht (nachdem ihr sie auf allen Seiten schmal eingeschlagen habt), ganz dicht.

Die Schulterstücke sind Streifen, die oben auf der Schulter von Kragen zum Ärmelansatz laufen. Sie dienen als Verstärkung nicht nur gegen Abrieb und Verformung, sondern auch, weil an dem Keil, der gleich eingesetzt werden wird, ordentlich Zug ansetzt. Die Schulterstücke würde ich ein wenig größer machen als Garsault (etwa 7 x 18 cm), um genug Naht- bzw. Umschlagzugabe zu haben.

In eine Schmalseite jedes Schulterstücks wird mittig ein Schlitz von 6 cm Länge gemacht. Vom Halskeil wird zunächst nur eine dreieckige Hälfte in den Schlitz eingesetzt. Hier reicht eine einfache Rückstichnaht. Die andere Hälfte wird später in einen entsprechenden Schlitz im Hemd selbst gesetzt, so daß sich dort, wo die Schulterlinie auf den Hals trifft, ein dreieckiger Einsatz ergibt. Da keine Rundung für den Hals geschnitten wird, sorgt stattdessen dieser Einsatz für genügend Weite. Hier ein paar Illustrationen:

281. Das kleine Brustherz am Brustschlitz d, ist ein kleines Quadrat von zwei Pouces, das man in Form eines Herzens ausschneidet; man schlägt es schmal außenherum ein, setzt es außen genau auf das Ende des Schlitzes, den Einschlag zu dem Stoff hingewendet, auf den man es näht, und näht es dann außenherum mit Saumstich fest.

Nun zum Leib. Da das Hemd hinten ca. 8 cm länger ist als vorn (siehe 286), faltet man den Stoff erstmal quer, so daß sich dieser Längenunterschied ergibt, also nicht genau halbe-halbe. Markiere den Stoffbruch (=Schulterlinie) mit Schneiderkreide o.ä. Falte dann noch einmal längs und markiere den Stoffbruch durch einen Knick. Falte wieder auseinander. Schneide von der Schulterline aus ca. 16 cm abwärts in die Vorderseite des Hemdes. Das ist der Brustschlitz. Schneide von Brustschlitz aus entlang der Schulterlinie rechts und links jeweils 30 cm weit ein, also bis etwa 10 cm vor der Stoffkante. In das Ende dieser 30-cm-Schlitze kommt nun die andere Hälfte der Halskeile. Setze sie so ein, daß die Nahtzugabe nach außen zeigt, und klappe dann das Schulterstück auf die Schulter hinunter, so daß die Spitzen der Halskeile aufeinanderliegen. Das Schulterstück muß parallel zur Schulterlinie liegen. Schlage die Kanten des Schulterstückes unter (außer dort, wo es auf der Webkante liegt) und nähe es mit Saumstich fest.

Lege die Kanten des Brustschlitzes zweimal schmal nach innen um und nähe sie mit Saumstichen fest. Setzte das Brustherz auf wie links unter 281 beschrieben. Statt des Brustherzes (besser noch zusätzlich dazu) kann man einen Faden 2-3mal von einer Kante des Brustschlitzes zur anderen spannen und das Bündel dann mit Knopflochstich überfangen. Das nimmt die Spannung vom Schlitzende, das sonst womöglich einreißen würde.

282. Um zu den Ärmeln zurückzukommen, setzt die Manschetten daran. Man kann keine genaue Regel dafür angeben, wieviel Stoff man für den Umfang der Manschetten braucht, die die Ärmel der Hemden abschließen, ebensowenig für die Breite; die einen wollen sie breiter als andere. Jedoch ist ein halber Finger breit normal; was den Umfang betrifft, so sagt man, daß wenn man den Halsumfang mißt und das Maß durch drei teilt, man dann die Länge der Manschette bekommt; aber es ist besser, das Maß richtig abzunehmen. Das erste, was man dann tut, ist den Stoff der Länge nach auf die Hälfte zu falten, & auf die Hälfte, die man zur Außenseite bestimmt hat, zeichnet, näht oder stickt man ein beliebiges Muster; dann sind die Manschetten bereit, um an die Ärmel angesetzt zu werden. Zu diesem Zweck reiht man zuerst die Enden der Ärmel ein und führt den Rand dann in die doppelt gelegte Manschette ein, wo man sie von rechts mit Saumstich annäht, indem man die Nadel bei jedem Stich durch ein Fältchen des Ärmels führt. Dann befestigt man den Stoff der anderen Hälfte der Manschette an den gleichen Falten; es reicht hier, wenn man eine Falte übergeht. Schließlich macht man in jedes Ende ein Knopfloch. [...]

285. Der Kragen ist ein Stück Stoff von etwa 14 Pouces [38 cm] Länge und fünf Pouces [13,5 cm] Breite; man faltet es der Länge nach auf die Hälfte, so daß der Kragen zweieinhalb Pouces [7 cm] hoch wird. Man befestigt ihn oben am Hemd, wie es hiervor für die Manschetten beschrieben ist.

286. Nota. Man macht Männerhemden untenherum vorn um ein Seizieme [7,5 cm] kürzer als hinten.

Der Kragen ist ca. 14-16 cm breit und so lang, wie die Halsweite es erfordert. Da die Halsweite recht weit oben gemessen wird, wo der Hals am schmalsten ist, der Kragen aber weiter unten sitzt, wo die Schultermuskeln ansetzen, sollte man 2-4 cm Weite zugeben, zusätzlich dazu noch 1 cm für Nahtzugabe 2 cm für den Knöpfübertritt. Falte ihn der Länge nach auf Hälfte und nähe die kurzen Kanten zu. Wende den Kragen und knicke die Längskanten nach innen um. Markiere die Hälfte (=hintere Mitte), falte beide Enden zur Markierung hin (vordere Mitte) und markiere diesen neuen Bruch. Damit hast du den Kragen in vier gleiche Teile geteilt. Durch diese Markierungen weißt du, wo am Hemd die entsprechenden Stellen hin müssen: Hintere Mitte des Hemdes, Schulterlinie, und die Enden natürlich am Brustschlitz. Die an der Schulterlinie entlang verlaufenden, langen Schlitze werden nun vorn und hinten so eingereiht, daß die Kanten in den Kragen passen. Markiere die hintere Mitte des Hemdes, bevor Du mit dem Reihen anfängst, sonst weißt Du gleich nicht mehr, wo die hintere Mitte des Kragens hin muß. Die gereihte Kante wird zwischen die Kanten des Kragens gesteckt und einmal von innen, einmal von außen mit Saumstichen angenäht. An ein Ende kommen ein oder zwei Zwirnknöpfe, ins andere Knopflöcher.

Ein Wort zum Thema einreihen: Um die Reihfalten so klein und gleichmäßig hinzukriegen wie es im 18. Jh. Gang und Gäbe war, solltest Du zwei Reihfäden im Abstand von ca. 5mm einziehen, deren Ein- und Ausstichpunkte exakt parallel liegen. Der Abstand zwischen Einstich und Ausstich sollte 2-3 mm betragen, bei relativ groben Stoffen (also für das gemeine Volk) auch 3-5 mm. Die Ärmelkrause im Foto ganz am Ende dieser Anleitung wurde in mittelfeinem Stoff mit 2,5-mm-Abständen gereiht. Dafür habe ich mit Bleistift die Ein- und Ausstichpunkte für beide Reihen vorgezeichnet und beim Annähen der Manschette immer durch einen Faltenbruch gestochen.

Illustration: Fertige Kragen-Schulter-Partie. Oben links sieht man das Dreieck des Halskeils, oben rechts das Schulterstück. Unten das Ende des Brustschlitzes mit quergespannten Haltefäden.

Zurück zum Ärmel. An dessen unteres Ende wird die Manschette ganz ähnlich angesetzt wie eben der Kragen: Manschette längs falten, kurze Enden zunähen, wenden, Längskanten einschlagen. Ärmelende einreihen und zwischensetzen. Damit es gut aussieht, sollten die Reihfältchen möglichst gleichmäßig sein und durch jede davon ein Stich geführt werden.

Die Breite der Manschette ist Geschmackssache (nach halbieren und einschlagen 1,5-3 cm), die Länge orientiert sich natürlich am Umfang des Handgelenks. In beide Enden der Manschette macht man je ein Knopfloch für Manschettenknöpfe, oder man macht einen normalen Knopfschluß mit Zwirnknöpfen.

287. Nachdem die Ärmel vollendet sind, Teilt man den Körper des Hemdes, indem man es über die Breite in drei Teile faltet. Die Ränder des mittleren Drittels näht man überwendlich zusammen; an das obere Drittel werden die Ärmel angesetzt, & das untere Drittel bleibt offen. An das obere Ende derselben setzt man die kleinen Keile für unten, c c. Jedes davon wird aus einem kleinen Stück Stoff von zwei Pouces im Quadrat gemacht. Nachdem man die Unterkante und diese beiden unteren Schlitze umsäumt hat, setzt man den kleinen, umgeschlagenen Keil, oder besser die Hälfte als Dreieck, in das Ende des Schlitzes ein, wie es zuvor für die Schulterstücke beschrieben ist; dann faltet man die andere Hälfte nach innen und oben, wie man Taschentücher faltet, und näht es mit Saumstich fest: Also sind diese Keile doppelt.

288. Jetzt bleibt nur noch, die Ärmel in den Körper des Hemdes einzusetzen. Dazu legt man den Ärmel obenherum in flache Falten und näht ihn gleichzeitig überwendlich an die Öffnung, und verarbeitet dabei das, was vom Schulterstück und dem Achselkeil übersteht.

Nun werden die Ärmel eingesetzt. Dazu werden sie am oberen Ende, wo sie auf das Schulterstück treffen, entweder eingereiht oder in Falten gelegt. Wie weit der Ärmel danach sein soll, darüber macht Garsault nur verwirrende Angaben, die nicht ganz stimmen können. Ich schlage ca. 30-35 cm vor, den Achselkeil mitgemessen. Also mißt man von der Schulterline 30-35 cm abwärts und näht die Seiten des Hemdes von dort an abwärts zu. Am unteren Ende läßt man einen Schlitz offen, der von der Länge des Hemdes abhängt. Beim 120 cm langen Original sollten es 40 cm sein, so daß der Anfang des Schlitzes etwa auf Schritthöhe ist. Der Hemdsaum wurde nämlich zwischen den Beinen durchgezogen und ersetzte so die Unterhose. In das Ende des Schlitzes wird noch ein kleiner Keil eingesetzt, der aus einem diagonal gefalteten Quadrat besteht, ähnlich wie der Achselkeil und sicherlich mit dem glechen Zweck: Zug von der Seitennaht wegzuleiten. Mit untergefalteten Kanten wird eine Hälfte von außen mit Saumstich aufgesetzt, die andere Hälfte von innen.

Setze nun den Ärmel ein und achte dabei darauf, das Ende des Schulterstückes mitzufassen. Nun noch der Saum, und das Hemd ist fertig - zumindest dann, wenn es ein einfaches Arbeitshemd werden soll.

289. Von den Ärmel- und Brustkrausen (Jabot). Die Ärmelkrausen der Männer werden aus Musselin oder Spitze gemacht; sie sind normalerweise 15 Seiziemes bis eine Aune lang[112-119 cm] und ein Seizieme hoch.

290. Die Krausen befestigt man an den Manschetten des Hemdes auf zwei Weisen: Entweder werden sie dauerhaft angenäht - in diesem Fall gehen sie mit dem Hemd in die Wäsche - oder man heftet sie nur an. Im ersten Fall fängt man damit an, die Unterkante der Krause zu rolieren, dann reiht man sie mit einem point dessus, der eine Längere Art des Saumstiches ist. Dann befestigt man sie mit einem Saumstich, indem man die Falten aufnimmt wie beim Ärmel. [...] Im zweiten Fall, also bei teuren Ärmelkrausen wie z.B. Stickerei oder Spitze, die man nicht in die Wäsche geben will, näht man sie an ein Leinenband, das man mit Vorstich an die Manschette annäht.

292. Was das Jabot betrifft, das wird an die vordere Öffnung mit Saumstich angenäht. Man fältelt es an drei Stellen, nämlich anderthalb Pouces am oberen Ende des Schlitzes und zwei Pouces am unteren.

Bei den besseren Hemden werden an die Manschette und den Brustschlitz noch Krausen aus feinem Batist, Musselin oder Spitze angesetzt. Bei den Ärmeln gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man macht die Krausen so lang wie die Manschetten, so daß sie am Schlitz enden (siehe Foto unten), oder man läßt sie am Schlitz entlang hochlaufen. Letzteres ist eleganter, verbraucht aber auch mehr Stoff (=mehr Arbeit) oder Spitze (=mehr Geld).

Garsault veranschlagt für die Ärmelkrausen 2x 60 cm, also dachte er wohl an letztere Variante, denn für erstere ist das zuviel. Je feiner der Stoff, desto eher kann und sollte man viel davon nehmen. Zweimal die erforderliche Länge ist ein guter Mittelwert. Im Fall von Spitze ist man sowieso darauf angewiesen, wieviel man von einer Sorte findet - zumal das Jabot nach Möglichkeit aus der gleichen Spitze gemacht werden sollte. Die Breite der Krausen sollte zwischen 4 und 8 cm liegen.

Einfache Krausen aus unempfindlichem Stoff roliert man entlang aller Kanten, reiht sie auf die Länge der Manschetten (bzw. Manschette plus Schlitz) ein und setzt sie dann mit feinen Stichen an. Spitze setzt man gereiht in ein längs gefaltetes Leinenband, das man an die Manschette nur anheftet und vor jeder Wäsche abnimmt. Mit dem Jabot verfährt man ebenso.

Illustration:
Ärmelkrause
Jabot, von außen
Jabot, aufgeklappt

 

Noch einige Anmerkungen:

Es ist ein verbreiteter Irrglaube, daß feine Hemden wohlhabender Herrschaften aus Seide waren. Bedenke, daß man damals unter Hygiene etwas anders verstand als heute: Als gepflegt galt man nicht, wenn man sich oft wusch, sondern wenn man saubere Kleidung anhatte. Der feine Herr badete also vielleicht wöchentlich (wenn überhaupt, aber das weiß man heute nicht genau), wechselte aber das Hemd täglich und mußte das auch, denn ein weißes Hemd auf nicht allzu sauberem Körper bleibt nicht lange weiß. Die Wäsche mußte lange eingeweicht und ordentlich geschrubbt werden, um wieder richtig sauber zu werden, und das hält Seide nicht lange aus – die meisten Seidensorten (z.B. die heute als Pongée bekannten) halten nicht einmal einmaliges Schrubben aus. Außerdem war das Wäschewaschen ein mehrtägiges Großereignis (oft mit Hilfe von extra engagierten Waschmägden)*, das nicht allzu oft stattfand. Laut der unten angeführten Quelle war das in bürgerlichen Haushalten 2-4mal im Jahr. Also brauchte man mehrere Dutzend Hemden, um über die Runden zu kommen. Das wären recht große Mengen an Seide (obigem Schnitt nach 43 Meter für ein Dutzend, aber man hätte bei täglichem Wechsel 90 Stück gebraucht), die zudem ziemlich häufig ersetzt werden müßten. Heute zahlt man für diese Menge (d.h. 43 Meter) Seide 600-800 Euro, was an sich schon erschreckend ist, aber Stoff war damals in Relation zum Gesamtvermögen noch teurer als heute. Der damalige Wert einer solchen Menge Seide entspräche heute – sehr grob geschätzt – dem von vier oder fünf brandneuen Computern. Für ein Dutzend. Den Jahrsverschleiß schätze ich auf drei Dutzend. Sicher gab es Leute, die sich das leisten konnten, aber wahrscheinlich nur ganz wenige, die verschwenderisch genug waren, das auch zu tun. Dafür spricht auch, daß so genau auf maximale Stoffausnutzung geachtet wurde, daß überall dort, wo es nicht nötig war (nämlich wenn die Naht an der Webkante entlanglief), auf Nahtzugaben verzichtet wurde: Sparsamkeit war der Normalfall.

Vom ärmsten Bauern bis zum höchsten Adel waren Männer- wie Frauenhemden daher gemeinhin aus Leinen. Es war seit Jahrhunderten das traditonelle, überall anerkannte Material für Wäsche, haltbar, vielseitig und angenehm zu tragen. Das soziale Gefälle zeigte sich einerseits im Feinheitsgrad des Leinens, andererseits in der Farbe: Blütenweiß wurde Leinen nur durch wiederholtes, arbeits- und zeitintensives Bleichen, d.h. je heller der Stoff, desto teurer. Das heißt aber nicht unbedingt, daß Hemden für ärmere Leute nicht auch halbwegs weiß sein können, denn mit jeder Wäsche und jedem Trocknen in der Sonne wird Leinen heller. Wer viel Geld hatte, leistete sich evtl. Hemden aus Baumwolle, denn die war damals eher teuer - und im Winter nicht so klamm wie Leinen.

Es ist auch nicht nötig, daß der Stoff so fein ist wie Batist, im Gegenteil. Als fein gelten heute Stoffe (v.a. Leinen), bei denen Fäden eher dünn und gleichmäßig und die Abstände zwischen den Fäden relativ groß sind. Durch den eher großen Fadenabstand ist Batist fast ebenso anfällig für Rubbeln wie Seide. Früher waren die Fäden zwar ebenso dünn, aber dichter beieinander. Der Stoff sollte also dünnfädig, dicht und fest sein. Für weniger wohlhabende wären feine bis mittlere "Bauernleinen" oder auch "Aina" von IKEA geeignet.

Ähnliches wie für Seide gilt übrigens für Jabot und Ärmelkrausen aus Spitze: Spitze hätte nicht eine Wäsche überlebt, also mußte man sie ständig vor der Wäsche abnehmen und danach wieder annähen. Außerdem war Spitze sehr teuer - mindestens so teuer, wie für diesen Zweck geeignete, handgemachte Spitze in der Relation zu einem mittleren Einkommen heute noch ist. Also nichts für den Alltag. Wohlhabende (nicht reiche) Herren hatten wahrscheinlich genau ein bis drei Festtagshemden aus richtig feinem, weißem Leinen und dazu eine Garnitur (also Ärmelkrausen und Jabot) aus Spitze, die, in ein Leinenband fertig eingereiht, recht schnell angeheftet und wieder abgenommen werden konnte (siehe 290). Achtung: Nicht nur an das Band setzen, sondern zwischen die zwei Lagen eines längs auf Hälfte gefaltetes Bandes, wie bei einem Hosen- oder Rockbund. Sonst reißt die Spitze immer wieder ab. Fest angenähte Jabots und Manschetten sind deshalb meist aus Batist oder ähnlich feinem, möglichst weißem Leinen.

 

 

Quelle: de Garsault, M. L'art de la lingère. Neuchâtel 1780 (Nachdruck der Erstausgabe 1769)
*) Zimmermann, P. Die junge Haushälterinn, ein Buch für Mütter und Töchter. Basel, 1792


 

Friday, 03-May-2013 16:47:30 MEST