Neu-eröffnete Welt-Galleria

der Mißverständnisse und Klischees,

die Mode des achtzehnten Jahrhunderts betreffend.

 

"... daß in keiner anderen Maske mehr Geschmacklosigkeit zu Tage gefördert zu werden pflegt,
als gerade beim Rokoko-Kostüm unserer Maskenbälle: - etwas Puder ins Haar, ein weißes Kleid,
ein Reifrock und ein paar Rosen, und man denkt den Hof der Bourbonen in der würdigsten Weise
zu repräsentieren, während doch kein anderes Kostüm nur annähernd ein Studium erfordert,
wie die treue und künstlerische Wiedergabe des Rokoko es verlangt." (Johanna v. Sydow, ca. 1880) 1

 

Heilige Scheiße! Schon vor über 120 Jahren war die Autorin eine Modebreviers frustriert über das klischeehafte Schidluder, das mit der Mode des Rokokos getrieben wurde, und dabei gab es damals noch gar kein Polyester.

Die ein wenig frustriert klingenden Worte Johanna von Sydows sind heute ebenso aktuell wie damals, wie die Playmobil-Figur im Bild rechts beweist. Weitere Beweise finden sich im Gruselkabinett.

Es gibt, was die Mode des Rokokos betrifft, eine ganze Menge Mißverständnisse und Klischees, die durch schlechte Kostümfilme ebenso weiterverbreitet werden wie durch Theater und Opernhäuser oder Tanz- und Kostümgruppen, die ihre Kostüme aus dem abgelegten Fundus der vorigen beziehen. (Man verstehe mich wohl: Es gibt auch Filmemacher, Theater und Tänzer, die sich sichtlich Mühe geben – aber die sind leider in der Minderheit.) Zu allem Übel tun die wenigen deutschsprachigen Bücher zum Thema Kostümgeschichte nichts dazu, die Klischees auszuräumen, im Gegenteil: Das 18. Jh. wird weitgehend auf die Jahre um 1760-80 zusammengekürzt und mit dem unpassenden Etikett "Rokoko" versehen.

Der folgende Artikel basiert auf diversen Fragen, die mir im Lauf der Jahre gestellt wurden und immer wieder gestellt werden, sowie auf falschen Behauptungen, die ich in Büchern und auf Webseiten fand. Die zitierten Webseiten gibt es z.T. nicht mehr, aber ich schwöre Stein und Bein, daß die Zitate echt sind.

 

1. Rokoko ist die Zeit von Marie Antoinette... (http://www.marie-antoinette.at/02c6d7996e0dcfe01/02c6d7997c0d0a20c/index.php)

"Zeitlich ist das Rokoko am Ende des Barock einzuordnen, also etwa in der Zeit von 1765 bis 1785" (http://www.blauenarzisse.de/v2/index.php?option=com_content&task=view&id=445&Itemid=33)

... mit riesigen Reifröcken, Schiffen auf der Turmfrisur etc.
Falsch! In der Malerei, Architektur und Ornamentik geht Rokoko von ca. 1720 bis ca. 1760, gefolgt vom Klassizismus um 1760-1800 (Siehe auch hier). Viele Artefakte aus dem Besitz der Madame Pompadour, die oft als Verkörperung des Rokokos gehandelt wird, sind reinster Frühklassizismus*, und die gute Frau starb schon 1764. In der Mode, und nur da, spricht man bis (!) um ca. 1770 oder 1780 vom Rokoko. Die Zeit Marie Antoinettes aber ist 1765-89; erst um ca. 1776 gibt es Turmfrisuren mit übertriebener Garnitur (und nur für ca. 3 Jahre), überbreite Röcke mit wilden Raffungen darauf etc. Das ist eine Spätperiode – mit all den Übertreibungen, die eine solche auszeichnen –, die weitgehend auf den französischen Hof beschränkt ist. Wer mehr wissen will, möge bitte die Führung durch die Damenmode und die Führung durch die Herrenmode besuchen, oder betreffs Turmfrisuren die Frisurenseite.
Leider behandeln viele Bücher über Kostümgeschichte die Zeit zwischen ca. 1700 und 1770 recht stiefmütterlich, vielleicht weil es aus dieser Zeit keine lächerlichen Extreme zu kolportieren gibt. So entsteht selbst bei Leuten, die sich bereitwillig Wissen anlesen (und dabei an die falschen Quellen geraten), leicht ein schiefer Eindruck der Epoche. Aber dafür gibt es ja diese Website, um das Bild wieder geradezurücken.

2. "Jeder trug eine Perücke, die täglich mit Mehl gepudert wurde. " (http://www.balingen.de/rs-balingen/veran/faecher/mum/modemus/mum06.htm)

Falsch! Perücken trug, wer es nötig hatte. Wer ausreichend langes und dichtes Haar hatte, schnitt es bestimmt nicht ab, und langes Haar unter einer Perücke ist nicht nur redundant, sondern auch unangenehm. Männer trugen häufig Perücken und hatten darunter eine Stoppelfrisur - verständlich, wenn man bedenkt, daß viele Männer hormonell bedingt früher oder später zur Platte neigen. Frauen hingegen hatten schlimmstenfalls damit zu kämpfen, daß das Haar zu dünn war oder nicht lang genug wachsen wollte. Meistens reichten Festiger, Haarteile und/oder schlau arrangierte Frisuren zum Ausgleich; bis um 1760 waren in Locken gelegte Kurzhaarfrisuren (à la mouton) durchaus üblich. Perücken waren tatsächlich sehr oft (aber durchaus nicht immer) gepudert, das eigene Haar aber nicht unbedingt. Perücken aus weißen Kunstfasern sind das schlimmste, das man sich antun kann - das ist grad mal für Fasching akzeptabel. Wenn Du eine Perücke brauchst, kauf lieber eine naturfarbene und frisiere sie selber, oder laß einen Friseur das machen, und pudere sie dann - oder auch nicht. Der Unterschied zwischen weißem Plastik und gepudertem Echthaar (nicht notwendig menschlichen Ursprungs) ist sehr, sehr offensichtlich. Siehe auch hier.

Ein weiteres Klischee im Dunstkreis des puderns sind Puderkabinette, in denen der Puder Richtung Decke geschleudert wurde, um dann wie radioaktiver Fallout gleichmäßig herniederzurieseln.

"Normalerweise schleuderte man den Puder zuerst gegen die Decke und von dort rieselte er dann auf den Kopf herab, wobei man das Gesicht mit einem Tuch bedeckte. " (http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_5.htm)

"Dabei wurde das Puder gegen die Decke gestäubt und man ließ sich vom herabfallenden Puder berieseln." (http://www.graeffnis.de/html/rokoko.html)

Es ist durchaus möglich, daß es solche Puderkabinette gab, aber ich bezweifle aus praktischen Gründen stark, daß sie der Normalfall waren. Ich möchte wetten, daß das Klischee in die Welt kam, weil irgendein stinkreicher Schnösel (oder eine Schnöseline) den Hof durch diese höchst verschwenderische Art des Puderns beeindrucken wollte, was natürlich sofort in den Klatschspalten der gerade aufkommenden Journale die Runde machte. Das heißt aber noch lange nicht, daß alle es so machten, denn es ist nicht nur verschwenderisch, sondern auch äußerst unpraktisch: Ein Tuch auf dem Gesicht half nichts, denn die ganze Kleidung wäre vollgestaubt worden. Beim verlassen des Kabinetts hätte man das Mehl an den Schuhsohlen und, im Fall einer Dame, an der Schleppe mitgetragen. Unter den möglichen Lösungen für das Puderproblem ist das Puderkabinett also eine der unpraktischeren. Auf Abbildungen und als Artefakte sind Instrumente überliefert, die eine halbwegs gleichmäßige Puderverteilung ermöglichten, ohne gleich mehrere Kilo Mehl zu verbrauchen und mehrere Quadratmeter Boden einzusauen. Sie haben entweder die Form kleiner Blasebalge oder konischer Ziehharmonikas (Bild rechts, aus einem zeitgenössischen Kupferstich) und konnten den Puder recht gezielt aufbringen. Mit solchen Instrumenten war ein Puderkabinett wie oben beschrieben völlig unnötig.

3. Die Damen trugen Reifröcke mit vorn offenem Überrock und ein enges Mieder mit dreieckigem Einsatz vorn, das hinten geschnürt wurde. (sinngemäß nach Max von Boehn)

"Über einem mit Spitzenrüschen besetzten Unterrock wurde das Oberkleid, Manteau, getragen. Es war aus einem weit ausgeschnittenen Leibchen, Corsarge, und einem vorn weit geöffneten Rock zusammengesetzt." (http://home.arcor.de/ moonlight-shadowcastle/fashion/bageschi.htm)

"Das offene Kleid, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte, bestand aus einem Mieder mit angehängtem Rock, der vorn offen war und den Unterrock sichtbar machte. [...] Das Mieder wurde über das Korsett gezogen und diente auch dazu, die beiden Röcke zu befestigen, die über dem Reifrock getragen wurden. Der Unterrock - Jupe - lag eng auf dem Panier, der Oberrock war meist aus dem gleichen Stoff wie das Mieder angefertigt. Dies vermittelte den Eindruck, es handele sich um ein Kleid bzw. einen Mantel - daher der Name Manteau, der weiterhin Bestandteil der Hoftracht war." (http://www.historicum.net/themen/pompadour-und-ihre-zeit/gesellschaft-und-hof/iii-hoefische-mode/art/2_Der_Wandel_d/html/artikel/2835/ca/76af99192a/)

Ein Mißverständnis, das von sehr oberflächlicher Betrachtung zeitgenössischer Bilder herrührt und durch Film, Theater und Tanzgruppen weiterverbreitet wird und, ich muß es mit Seufzen sagen, sogar von offenbar schlecht recherchierten Büchern über Kostümgeschichte. Vor allem dem allseits beliebten Max von Boehn muß ich diesen Vorwurf machen.

So konstruierte Repro-Kleider nenne ich Turnschuhkleider, weil die Oberteile hinten wie ein Turnschuh kreuzweise geschnürt werden. Damals schnürte man aber nicht kreuzweise, sondern spiralig. Und Kleider schnürte man sowieso nicht hinten, außer Allemandes und Robes de Cour, aber das ist ein sehr spezieller Spezialfall. Und bevor jemand "aber" ruft: Zierschnürungen vorne sind ebenfalls ein Spezialfall.

Klarer wird es, wenn man sich einmal mit der Konstruktion einer Robe auseinandergestezt hat und damit, wie man sie anzieht. Auf den ersten Blick sieht es tatsächlich aus wie ein Rock, über den eine zweite Lage drapiert wurde, die vorn dreieckig aufklafft, kombiniert mit einem hinten geschlossenen Mieder mit einem dreieckigen, andersfarbigen Einsatz vorn. Alles Quark, viel zu kompliziert! In Wirklichkeit trägt die Dame ein Korsett, vorn darauf gepinnt einen dreieckigen Stecker (der vermeintliche Einsatz), einen schlichten Rock, und darüber die Robe, die nicht nur wie ein Mantel aussieht (siehe historicum.net), sondern tatsächlich wie ein Mantel von den Schultern bis zum Boden reicht und vorn offen ist, so daß der Stecker und der Rock sichtbar werden. Deshalb heißt die Robe auch auf Französisch Manteau, zu deutsch: Mantel. Also, die Robe ist ein Trumm von Schulter bis Boden. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gibt es noch nicht einmal eine Taillennaht. Erst bei späteren Formen der Robe à l'Anglaise (ab ca. 1775) wird die Robe aus Oberteil und Rock zusammengesetzt, aber der Rock wird nicht "angehängt", sondern angenäht.

Übrigens ist es viel einfacher, eine Robe nach authentischem Schnitt zu machen als ein Turnschuhkleid: Man spart sich das Anpassen des enganliegenden Mieders und die Schnürösen, und im Fall von Bühnenkostümen können Robe und Rock verschiedenen Personen passen, die bis zu zwei Kleidergrößen auseinander sind. Wo bleibt da das Kostenargument, das Gewandmeister so oft anführen? Selbst das Anziehen geht schneller, wenn man nicht schnüren muß.

4. Der Reifrock vom Brautkleid ist ein guter Ersatz

Quark! Brautkleid-Unterröcke sind von oben gesehen rund und von allen Seiten her kegelig. Reifröcke des 18. Jh. sind von oben gesehen oval, von vorn/hinten gesehen mehr oder minder kuppelförmig und von der Seite gesehen flach. Die Größe entwickelt sich über das Jahrhundert hinweg sehr unterschiedlich. Nur ganz am Anfang ihrer Entwicklung (ca. 1720-1725) sind die Reifröcke von oben gesehen rund und haben in etwa die Form von Krinolinen des 19. Jh. Siehe auch hier.

5. Frauen niederen und mittleren Standes trugen nur Rock und Mieder

Quark! Das Mieder ist aus dem Korsett entstanden und war wie jenes Unterkleidung. Keine Frau, die etwas auf sich hielt, trug in aller Öffentlichkeit nur ein Mieder über der Chemise. Für Bauernmägde, Schlachterinnen bei der Arbeit oder Kellnerinnen mochte das angehen, aber wer immer konnte, trug wenigstens eine Jacke darüber. Alles andere war etwa so angesehen, wie heute die Prolos, die im Feinripp-Unterhemd oder im Jogginganzug rumlaufen. Oder Lockenwickler – all das ist zuhause in Ordnung, aber bitte nicht auf der Straße. Gerade die unteren und mittleren Stände legten großen Wert auf Tugend und Wohlanständigkeit bzw. die Wahrung zumindest des Anscheins, und betrachteten die "Offenherzigkeit" des Adels mit Argwohn, weshalb sie auch den Ausschnitt mit einem Tuch bedeckten. Gleiches gilt für sichtbar getragene Taschen (sie gehören, wie schön sie auch immer bestickt sind, unter den Rock), offenes Haar und unbehaubten Kopf (das Prvileg von Jungfrauen). Das letztere ist nur in der Oberschicht und auch da nur bei Gesellschaften akzeptiert, also zur Gala.
Genrebilder und Porzellanfiguren sind kein Gegenbeweis, denn sie stellen oft romantisierte Schäferidyllen dar (die damalige Ensprechung zur Fantasy) und/oder sind erotisch gemeint.
Betrachte die "Kleidungs-Arten der Stadt Augspurg": Wo immer eine Frau in nur Hemdsärmeln und Mieder zu sehen ist, heißt es "im Haus gehend".

6. Die Kleider von Männern und Frauen quellen über vor Spitzen, Rüschen und Drapierungen

"Man sieht also, der Rokoko-Herr von Welt liebt Pastellfarben und haufenweise Spitze an Ärmel, Halsbinde und Schleifen an den Schuhen." (http://www.gosaunet.at/gosau/news/historische-modenschau-23-juni-2006.html)

Falsch! Die reichen Damen haben Spitze am Ausschnitt und an den Ärmeln der Chemise, die Herren an der Cravate oder dem Hemdschlitz und den Ärmeln des Hemdes – je nach finanziellem Vermögen und Anlaß sind das Rüschen aus möglicht feinem Batist, Klöppelspitzen oder Weißstickerei. Männerröcke haben zum Teil Stickereien und Borten, sind aber duchaus oft recht schlicht. Bei den Frauen ist anfangs ein schöner Stoff die einzige Verzierung, für besondere Anlässe auch mit Stickerei; erst später kommen Volants aus dem Kleidstoff hinzu, während Stickerei dann nur noch als sparsames Streumotiv vorkommt. Drapierungen und Raffungen jedweder Art sowie Spitze und Tüll auf dem Kleid sind der Spätzeit ab 1770 vorbehalten und weitgehend auf formelle Kleidung beschränkt. Erst ab 1780, und auch dann nur am französischen Hof, gibt es regelrechte Raffungen und Drapagen auf dem Rock. Das ist eine zeitlich, regional und sozial so begrenzte Sonderform, daß man sie lieber ignorieren sollte, anstatt sie, wie so viele Verblendete, weiterzuverbreiten.
Im übrigen trug der Herr von Welt ganz sicher keine Schleifen an den Schuhen, denn er konnte sich, wie überhaupt jeder halbwegs Wohlhabende, Schuhschnallen leisten. Nur gas gemeine Volk mußte sich mit Bändern behelfen. Und die Herrenröcke waren keineswegs meist pastellfarbig, sondern bevorzugt in gedeckten, dunklen oder kräftigen Farben gehalten.

7. Männer tragen ein Spitzenjabot

Jein. In Filmen und im Fasching kommen Jabots als mehrstufiges Spitzenlätzchen daher, das irgendwie vorn am Hals aufgehängt wird. Das verdanken wir dem 19. Jh., das solche Lätzchen für Frauenkleidung erfand und sie in Anlehnung an das historische Vorbild "Jabot" nannte. In Wirklichkeit ist das Jabot eine Batist- oder Spitzenrüsche, die am Hemdschlitz runter und auf der anderen Seite wieder rauf läuft, mehr nicht. Siehe auch Glossar bzw. Herstellung eines Männerhemds.

8. "Ein beliebtes Accessoire war der "Pompadour-Beutel", nach Madame Pompadour, die eine besondere Vorliebe für diese Beutel besaß..."
(http://de.geocities.com/schnuffti_puffti/Html/rok)

Zu Pompadours Zeiten brauchten die Damen keine Handtaschen, Handgelenksbeutel o.ä., weil sie unter dem Reifrock massig Platz für Taschen hatten. Also wird auch Madame Pompadour höchstselbst keinen solchen Beutel mit sich herumgeschleppt haben. Handgelenksbeutel kamen erst gegen 1800 auf, als die Kleider am Körper entlangflossen. Zwar sieht man in früheren Bildern hin und wieder Beutel mit Zugband, aber wenn man genau hinschaut, kommt ein Faden heraus, der z.B. zu einem Knüpfschiffchen oder einer anderen Nadelarbeit führt: Es sind Handarbeitsbeutel, keine Handtaschen.

9. "Andererseits zogen sie sich aber 20-25 Mal am Tag um: [...]. Um sich einmal umzuziehen benötigte man ca. 20-30 min. " (http://www.balingen.de/rs-balingen/veran/faecher/mum/modemus/mum06.htm)

25mal umziehen à 30 Minuten. Macht 750 Minuten oder 12,5 Stunden. Aber das macht ja nichts, denn man "wusch [...] nur die Fingerspitzen und die Füße mit Wasser. [...] Das Gesicht wurde nicht gewaschen, sondern nur überpudert/überschminkt." (ebd.) Bei so wenig Hygiene bleibt natürlich viel Zeit zum umziehen. Wozu dann wohl die Badehäuser gut waren? Die Rezepte für wohlriechende Seifen und Gesichtswässer? Und wann in aller Welt aßen und schliefen die Leute? 20-30 min. zum umziehen sind übrigens durchaus nicht zu allzu großzügig gerechnet, zumindest für Frauen. 15-20 Min. sind realistisch.

10. "die 'normal' gebaute Frau hatte einen Taillenumfang von rund 27 cm" (http://www.balingen.de/rs-balingen/veran/faecher/mum/modemus/mum06.htm)

"...wurde die Taille zum Teil auf einen Umfang von bis zu 30cm zusammengeschnürt." (http://de.geocities.com/schnuffti_puffti/Html/rok)

Dieses Klischee ließe sich leicht widerlegen, wenn sich einmal diejenigen, die es von irgendwoher abschreiben, die Mühe machten, ein Maßband zur Hand zu nehmen. Mach das doch mal, lieber Leser! Miß 27 oder 30 cm darauf ab und lege dieses Maß zu einem Ring. Der Ring ist etwa so groß wie ein Handteller. Und das soll ein normales Maß sein? In einer Physiotherapie-Praxis habe ich ein lebensgroßes Wirbelsäulenmodell auf Taillenhöhe ausgemessen. Das Maß um den Wirbel und alle seine Fortsätze herum betrug... 27 cm. Da ist noch keine Haut, kein Muskel, kein Darm mit umfaßt. D.h. die einzige Person, die einen solchen Taillenumfang erreichen kann, trägt eine schwarze Robe, führt eine Sense mit sich, redet in Großbuchstaben und reitet ein weißes Pferd namens Binky².

11. "Auch hier wieder das Korsett. Man kann damit zwar nicht mehr atmen,... " (http://www.gosaunet.at/gosau/news/historische-modenschau-23-juni-2006.html)

"Du willst Schmerzen? Versuch mal, ein Korsett zu tragen!" (Keira Knightley in "Fluch der Karibik", aus dem Gedächtnis zitiert)

Die Frauen müssen damals wie die die Fliegen erstickt sein. Daß Korsetts Schmerzen verursachen und daß man darin nicht atmen kann, ist natürlich ein naheliegender Schluß, wenn man Klischee Nr. 10 aufgesessen ist. Wer so etwas behauptet, hat es ganz sicher noch nie selbst versucht. Denn ein ordentlich geschneidertes Korsett, das gut sitzt, ist durchaus angenehm zu tragen. Es sei denn, man versucht, sich eine Taille von 27 cm zu schnüren...

12. "So war es mit der Fächersprache möglich, bei einer Unterhaltung einerseits besonders klug zu wirken, andererseits im gleichen Moment ein Rendez-vous mit einem Liebhaber auszumachen." (http://www.gosaunet.at/gosau/news/historische-modenschau-23-juni-2006.html)

Die Legende von der Fächersprache wird mit großem Gusto weiterverbreitet. Nur indisches Springkraut ist schwerer auszurotten. Interessanterweise wird fast nie ein zeitgenössischer Beleg für die Behauptungen angeführt. Fächersprache ist, um mit Mozart zu sprechen, wie der Phönix: Jeder redet davon, aber keiner hat ihn je gesehen***. Wer mehr über Fächersprache erfahren will und ob es sie wirklich gab: Siehe hier.

13. Auch Männer waren geschminkt

Jein. Sowohl die Memoiren der Villebelle, die durchaus im 19. Jh. gefälscht worden sein könnten, als auch die Memoiren Casanovas, die sicher nicht gefälscht sind, erwähnen geschminkte Männer - es gab sie also. Beide bezeichnen aber auch solche Erscheinungen als lächerlich. Casanova beschreibt in Band 3, Kap. 5 einen geschminkten ältlichen Kavalier und deutet an, daß er der Mode "zu Zeiten der Frau von Sévigné" folgt, also des späten 17. Jahrhunderts.

14. Ein Mann ist mit Hemd und Kniehose gut angezogen

Nein, damit ist er ausgezogen. Einige Nebensätze in Casanovas Memoiren bestätigen, daß es zumindest in Gegenwart von Damen unüblich war, den Rock abzulegen (aber die Weste bleibt!): Er bringt Rechtfertigungen dafür vor. Casanova tat das hin und wieder bei sehr heißem Wetter, und auch dann nur, um die Dame(n) dazu zu bringen, ihrerseits ein wenig abzulegen... und dann nocht mehr... na, wir kennen den Pappenheimer. Bedienstete und Landvolk sieht man hin und wieder in Ärmelwesten (z.B. bei de Troy), aber niemals sieht man ein männliches Wesen, egal ob feiner Herr oder gemeiner Kerl, nur in einer ärmellosen Weste. Bis aufs Hemd zieht sich nur ein Gemeiner aus, und auch dann nur, wenn er sich prügeln will.

15. Rokoko ist die Epoche der verschwenderischen/aufwääändigen** Mode

"Ein beliebter Schmuck waren hier [am Oberteil, d. Säzz.] Schleifen, die erst einzeln auftraten. Im Laufe des Rokoko kamen immer mehr Schleifen hinzu, so dass das gesamte Oberteil von ihnen bedeckt war. " (http://modedesign.suite101.de/article.cfm/damenmode_zur_zeit_der_pompadour)

"Alle Kleider waren mit vielen Spitzen, Bändern und Schleifen verziert. " (http://www.club7.de/jugend/cgi-bin/showcontent.asp?ThemaID=802)

"Sie steht deshalb oppositionell zur französischen Rokoko-Mode, deren charakteristische Eigenschaften unter anderem die Maßlosigkeit sind." (sic!) (http://www.dipree.de/sturmunddrang.org/index.php4?open=mode)

Diese Behauptung findet sich quer durch die Literatur. Mal steht die Behauptung einfach so im Raum, mal wird sie von der Desinformation begleitet, daß die Kleider vor Perlen, Federn, Blumen, Spitzen, Schleifen und Falbeln geradezu überquollen. Das gesamte Oberteil von Schleifen bedeckt? Auch am Rücken und unter den Achseln? ;) Immer, wenn der Begriff "Falbeln" benutzt wird, sollte man vorsichtig sein. Heutzutage weiß nämlich kaum noch jemand, was das eigentlich ist, also wurde der Text wahrscheinlich unreflektiert von einer älteren Publikation abgeschrieben.

Wie jemand angesichts zeitgenössischer Abbildungen auf solche Ideen kommen kann, ist mir ein Rätsel. Vielleicht liegt es daran, daß die Autoren das Rokoko mal wieder auf die Zeit um 1770-1780 und auf den französischen Hof beschränken. Für diese eng begrenzte Subkultur stimmt die Behauptung tatsächlich (bis auf die Schleifen "überall" natürlich). Aber davon abgesehen ist Rokokomode nicht aufwendiger als jede andere Modeepoche zwischen 1500 und 1900.

Besonders lustig ist, daß einerseits behauptet wird, die Rokokomode sei - in Abgrenzung zum steifen, überladenen Barock - leicht, luftig und verspielt, während andererseits die englische Mode der 1770er aufwärts – in Abgrenzung zum steifen, überladenen Rokoko – bequem und natürlich war. Inwiefern eine taillierte Anglaise bequemer ist als eine flatternde Francaise (die über der gleichen Sorte Schnürbrust getragen wurden), ein Pokissen und künstlich aufgebauschter Busen natürlicher als Poschen und tiefes Dekolleté, wird nicht erklärt.

16. Die Mode änderte sich plötzlich mit der Französischen Revolution

"Mit der französischen Revolution änderte sich das Bild abrupt" ... "Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 fand die lebenslustige und aufwändige Mode des Rokoko in Paris ein jähes Ende" (http://lerncafe.de/joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=67&Itemid=1)

Das kann nur jemand behaupten, der sich keine zeitgenössischen Bilder angeschaut hat. Wenn man nämlich hinschaut, bemerkt man, daß schon gegen 1770 ein allmählicher Wandel beginnt (die zuvor erwähnte Hinwendung zur angeblich "natürlichen" englischen Mode), der sich immer weiter beschleunigt, aber um 1789 herum nicht den geringsten Bruch aufweist. Erst 1794, also fünf Jahre nach der Revolution, kommt etwas ganz neues ins Spiel: Die hohe Taille, die so typisch für die Empiremode ist. Die Revolution verändert die Mode nicht, sondern im Gegenteil: Der sich beschleunigende Modewandel kündigt die Revolution an wie eine Serie von Vorbeben das große Erdbeben. Siehe auch Führung durch die Damenmode.

 

1) Sydow, Johann von. Moden- und Toiletten-Brevier. Unentbehrliches und Entbehrliches aus dem Gebiete von Tracht und Mode, Toilette und Putz, Zierrath und Schmuck. Leipzig: Spamer, o.J.
2) Pratchett, Terry. Reaper Man. London: Gollancz, 1991
*) Vgl. Salomon, Xavier (Hg.). Madame Pompadour: L'Art et l'amour. Ausstellungskatalog Hypo-Kunsthalle München, 14.6.-15.9.2002
**) Verzeihung. Bei der dämlichen neuen Schlechtschreibung kriege ich immer Maulsperre.
***) Così fan tutte

Alles doof: Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Otto-Wilhelm Richter